Politik : Obama in der Defensive

Christoph von Marschall

Washington - Mitten in der wohl größten Krise seiner Präsidentschaftsbewerbung muss sich Barack Obama an diesem Dienstag Vorwahlen in North Carolina und Indiana stellen. Der Verlauf der Umfragen zeigt, dass ihm die Zweifel an seiner Wählbarkeit unter weißen Arbeitern und die Kontroverse um seinen Pfarrer Jeremiah Wright geschadet haben. In North Carolina ist sein Vorsprung vor Hillary Clinton von 15 auf 6,5 Prozent gesunken. Dort rettet ihn nur der überdurchschnittliche Anteil schwarzer Wähler von 22 Prozent (USA: 13 Prozent).

In Indiana, einem fast rein weißen Arbeiterstaat im mittleren Westen, führt Clinton mit 4,6 Prozent. Vor drei Wochen durfte sich Obama noch Hoffnungen machen, sie dort zu schlagen. Indiana grenzt im Osten an seinen Heimatstaat Illinois. Er hatte ihren Vorsprung kontinuierlich verringert und Ende April sogar kurzzeitig geführt. Doch dann trat sein langjähriger, inzwischen pensionierter Pfarrer Wright mehrfach öffentlich auf, verteidigte seine zornigen Predigten – „God damn America!“ – und belebte die Zweifel neu, ob auch Obama die USA für ein rassistisches Land mit verbrecherischer Außenpolitik halte.

Parallel dazu verschärfte Clinton ihre Charakterattacken auf Obama und warb mit populistischen Positionen wie der Forderung, die Mineralölsteuer über die Sommerferien auszusetzen. Zeitungen und Steuerexperten verurteilen den Vorstoß unisono als unseriöse Idee. Eine Umfrage der „New York Times“ zeigt jedoch, dass zwei Seelen in der Brust der Bürger schlagen. 70 Prozent sagen, Clinton wolle damit nicht den Amerikanern, sondern nur sich selbst helfen. Aber zugleich nennen 44 Prozent die „Ferien von der Benzinsteuer“ eine „gute Idee“. In einem TV- Interview am Sonntag wurde Clinton entgegengehalten, dass kein einziger Experte ihren Vorschlag unterstütze. Sie sagte, sie richte sich nicht nach dem Rat von Ökonomen, weil die nie auf der Seite der einfachen Leute stünden.

Ähnlich zweideutig sind die Umfrageergebnisse zur Wright-Kontroverse. 73 Prozent behaupten, sie habe „wenig oder gar keine Bedeutung“ für ihre Wahlentscheidung im November. Aber 44 Prozent sagen, der Streit habe „einige oder große Bedeutung für meine Bekannten“. Clintons Ruf hat unter ihrem Wahlkampfstil stark gelitten. Nur 34 Prozent meinen, sie glaube, was sie sage. Obama halten 53 Prozent für glaubwürdig. Wirkung zeigen ihre Angriffe gleichwohl.

In der Summe werden die beiden Vorwahlen zahlenmäßig wenig an Obamas klarer Führung bei der Nominierung ändern. Er wird sie wohl sogar ausbauen, weil North Carolina, wo er vorne liegt, mehr Delegierte entsendet als Indiana. Aber Clintons Hauptziel ist es, die Zweifel an Obamas Siegeschancen in der Hauptwahl im November gegen den Republikaner John McCain zu verstärken. Dieser Effekt tritt ein, wenn Obama in North Carolina schwach abschneidet und sie parallel in Indiana hoch gewinnt.

Eine Nachwahl zum US-Kongress in Louisiana zeigte parallel die Grenzen der Charakterangriffe auf Obama. Die Republikaner hatten die Wahl zum Referendum über ihn und seinen angeblich fehlenden Patriotismus stilisiert. Die Demokraten gewannen den Sitz erstmals seit 33 Jahren. Christoph von Marschall

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