Obama in Kabul : Afghanistan in sechs Stunden

Überraschungsbesuch in Kabul: Bei seiner ersten Afghanistan-Reise als Präsident kritisiert Barack Obama seinen Amtskollegen Karsai. Die Ankunft Obamas war aus Sicherheitsgründen lange geheim gehalten worden. Wenige Stunden später beschießen die Taliban eine Militärbasis.

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US-Präsident Barack Obama hat bei einem Überraschungsbesuch in Afghanistan seinen Kollegen Hamid Karsai in ungewöhnlich offenen Worten kritisiert und ihn aufgefordert, konsequenter gegen Korruption und Drogenhandel vorzugehen. Sicherheitsberater James Jones sagte Journalisten, Obama habe Karsai „klargemacht, dass es Probleme gibt, denen er seit Beginn seiner zweiten Amtszeit keine Aufmerksamkeit geschenkt hat“. Karsai „muss begreifen, wie wichtig diese Dinge (für die USA) sind“.

Es war Obamas erste Reise nach Afghanistan als Präsident. Aus Sicherheitsgründen war sie bis zur Landung in Kabul am Sonntagabend (Ortszeit) geheim gehalten worden. Bis dahin hatte das Weiße Haus verbreitet, Obama verbringe das Wochenende mit seiner Familie auf dem Landsitz Camp David. Er besuchte auch US-Soldaten auf dem Militärstützpunkt Bagram und Verwundete im Krankenhaus. Die Truppen feierten ihren Oberbefehlshaber mit Ovationen, als er ihnen für ihren Dienst und die Opferbereitschaft dankte. Am Montag früh war er nach dem knapp sechsstündigen Besuch bereits auf dem Rückflug. Nur wenige Stunden nach Obamas Überraschungsbesuch beschossen radikal-islamische Taliban die Militärbasis Bagram mit einer Rakete. Vor laufenden Kameras wählte Obama in Kabul höflichere Worte. „Das amerikanische Volk ist ermutigt durch die Fortschritte“, sagte er zu den militärischen Erfolgen im Kampf gegen die Taliban, als er neben Karsai vor dem Präsidentenpalast in einer stark befestigten und streng bewachten Zone stand. Es gebe aber noch viel zu tun beim Aufbau einer ordentlichen Regierung.

Gegenüber den Medien verhehlt das Weiße Haus seinen Ärger über Karsai nicht und droht mit der Kürzung von Aufbauhilfe. Karsai dürfe keine korrupten Politiker in die Regierung berufen und müsse das Wahlgesetz ändern. Bei seiner Wiederwahl im Sommer 2009 hatte es beträchtliche Manipulationen gegeben. Daraufhin wurde die Beschwerdekommission reformiert, doch Karsai bestand darauf, dass er die fünf Mitglieder selbst ernenne. Zuvor hatten die Vereinten Nationen drei der fünf Mitglieder nominiert. Bei der Afghanistankonferenz in London im Januar waren Frustration und Ärger des Westens über Karsais selbstherrliche Amtsausübung ebenfalls unübersehbar. Karsai versucht sich dem wachsenden Druck zu entziehen, indem er China und Iran hofiert. In der vergangenen Woche reiste er drei Tage durch China. Peking investiert in die Förderung der wenigen afghanischen Bodenschätze, wie zum Beispiel Kupfer, und streicht damit aus US- Sicht die Vorteile der verbesserten Sicherheit ein, für die Amerika und andere Nato-Staaten mit dem Blut ihrer Soldaten und Milliarden Hilfsgeldern bezahlt haben. Anfang März empfing Karsai Irans Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, obwohl der Westen ihn isolieren möchte, und machte am vergangenen Wochenende einen Gegenbesuch in Teheran.

Obama hat die US-Truppen in Afghanistan bereits zwei Mal aufgestockt, auf demnächst 100 000 Soldaten. Vorgänger George W. Bush warf er vor, den Konflikt wegen des Iraks vernachlässigt zu haben.

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