Obamas Rede : Das ist unser Augenblick

17 Minuten hat sie gedauert, die Rede des künftigen Präsidenten der USA. Was ist Barack Obamas Botschaft? Hier können sie die übersetzte Rede in Ausschnitten nachlesen.

Barack Obama
Barack Obama hält seine erste Rede als zukünftiger Präsident. -Foto: AFP

"Falls heute immer noch jemand daran zweifelt, dass in Amerika alles möglich ist, falls sich einer noch fragt, ob der Traum unserer Gründungsväter heute noch lebt, wer immer noch die Kraft unserer Demokratie infrage stellt – der heutige Abend war eure Antwort.

Die Antwort haben die Schlangen vor den Schulen und Kirchen gegeben. Sie kam von Menschen, die Stunden vor den Wahllokalen warteten, viele von ihnen zum ersten Mal in ihrem Leben, weil sie daran glaubten, dass dieses Mal ihre Stimme tatsächlich einen Unterschied machen könnte. (…)

Es war ein weiter Weg. Aber heute Abend ist durch das, was wir an diesem Tag und in dieser Wahl und in diesem entscheidenden Augenblick getan haben, der Wechsel in Amerika angekommen.

Ein bisschen früher an diesem Abend habe ich einen außerordentlich gütigen Anruf von Senator McCain erhalten. Senator McCain hat lang und hart gekämpft in diesem Wahlkampf. Und er hat noch länger und härter gekämpft für dieses Land, das er liebt. Er hat für dieses Land Opfer gebracht, die sich die meisten von uns nicht vorstellen können. Es geht uns besser durch den Dienst dieses mutigen und selbstlosen Anführers. Ich gratuliere ihm und Gouverneurin Palin zu allem, was sie erreicht haben. Und ich freue mich darauf, mit ihnen zusammenzuarbeiten, um in den kommenden Monaten das Versprechen dieses Landes zu erneuern.

Ich möchte meinem Partner danken. Ein Mann, der von Herzen kämpfte, der für die Frauen und Männer sprach, mit denen er auf den Straßen von Scranton aufgewachsen ist und mit denen er immer noch den Zug nach Hause nach Delaware nimmt – der designierte Vizepräsident der Vereinigten Staaten, Joe Biden.

Ich würde hier heute Abend nicht stehen ohne die ungebrochene Unterstützung der Frau, die seit 16 Jahren meine beste Freundin ist, der Fels unserer Familie, die Liebe meines Lebens, die nächste First Lady der Nation, Michelle Obama. (…) Und obwohl sie nicht mehr unter uns ist, weiß ich, dass meine Großmutter uns zusieht, zusammen mit der Familie, die mich zu dem gemacht hat, was ich bin. Ich vermisse sie heute Abend. Ich weiß, dass meine Schuld an sie unermesslich ist.(…)

Aber vor allem werde ich nie vergessen, wem dieser Sieg wirklich gebührt. Er gebührt euch.

Ich war nie der naheliegendste Kandidat für dieses Amt.Wir sind nicht mit viel Geld oder vielen Sponsoren gestartet. Unsere Kampagne wurde nicht in den Sälen Washingtons geboren. Sie begann in den Hinterhöfen von Des Moines, in den Wohnzimmern von Concord und auf den Veranden in Charleston. Hart arbeitende Männer und Frauen haben sie geprägt, die an ihre Ersparnisse gingen um fünf, zehn oder 20 Dollar zu spenden. Sie ist durch die Kraft der jungen Menschen gewachsen, die den Mythos von der Apathie ihrer Generation widerlegten und ihr Zuhause verließen für Jobs mit wenig Lohn und noch weniger Schlaf. Sie hat Kraft gewonnen durch die nicht so jungen Menschen, die der bitteren Kälte und der sengenden Hitze trotzten, um an die Türen von Fremden zu klopfen, und von den Millionen Amerikanern, die sich freiwillig meldeten und bewiesen, dass nach mehr als zweihundert Jahren eine Regierung des Volkes, vom Volk und für das Volk nicht von der Erde verschwunden ist.

Dies ist euer Sieg. Ich weiß, dass ihr das nicht getan habt, um eine Wahl zu gewinnen. Ich weiß, dass ihr das nicht für mich getan habt. Ihr habt es getan, weil ihr die Größe der Aufgabe versteht, die vor uns liegt. Auch wenn wir heute Abend hier feiern, wissen wir, dass die Herausforderungen, die morgen auf uns warten, die größten unseres Lebens sind – zwei Kriege, ein Planet in Gefahr, die schlimmste Finanzkrise in einem Jahrhundert.

Wenn wir heute Abend hier stehen, wissen wir, dass mutige Amerikaner in den Wüsten des Iraks und den Bergen Afghanistans jetzt wach liegen und für uns ihr Leben riskieren. Mütter und Väter, die ihre Kinder ins Bett gebracht haben, fragen sich gerade, ob sie ihre Hypothek oder den Arzt bezahlen, und ob sie genug für das Studium der Kinder sparen können.

Neue Energie muss gebündelt, neue Jobs geschaffen, neue Schulen gebaut werden und Bedrohungen muss begegnet, Bündnisse repariert werden. Der Weg, der vor uns liegt, wird lang sein. Vielleicht erreichen wir unser Ziel nicht in einem Jahr oder auch nicht in einer Amtszeit. Aber, Amerika, ich war noch nie hoffnungsvoller als heute Abend, dass wir es erreichen werden. Ich verspreche euch, wir, als ein Volk, werden es erreichen.

Es wird Rückschläge und Fehlstarts geben. Es gibt viele, die nicht allen unseren Entscheidungen oder der Politik, die ich als Präsident mache, zustimmen werden. Und wir wissen, dass die Regierung nicht jedes Problem lösen kann. Aber ich werde immer aufrichtig über die Herausforderungen reden, die sich uns stellen. Ich werde euch gut zuhören, besonders dann, wenn wir nicht einer Meinung sind. Vor allem aber werde ich euch auffordern bei der Erneuerung unserer Nation mitzumachen, und zwar auf die einzige Art und Weise, wie dies in Amerika seit 221 Jahren getan wird: Stein für Stein, Schritt für Schritt, Handgriff für Handgriff.

Was vor 21 Monaten im Winter begann, kann nicht in dieser Herbstnacht enden. Dieser Sieg allein ist noch nicht der Wechsel, den wir anstreben. Er ist aber die Chance für uns, diesen Wechsel zu verwirklichen. Das kann nicht gelingen, wenn wir in den alten Trott zurückfallen. Es kann nicht ohne euch gelingen, ohne einen neuen Geist des Dienens, einen neuen Geist des Opferns. Lasst uns einen neuen Geist des Patriotismus und der Verantwortung verinnerlichen, in dem jeder von uns härter arbeitet und nicht nur für sich selbst sorgt, sondern alle füreinander.

Wenn uns diese Finanzkrise eins gelehrt hat, dann, dass wir keine erfolgreiche Wall Street haben können, solange die Main Street leidet.

In diesem Land, steigen wir auf und fallen als eine Nation, als ein Volk. Lasst uns der Versuchung widerstehen, wieder in alte Parteilichkeit, Belanglosigkeit und Unreife zurückzufallen, die unsere Politik so lange vergiftet haben.

Erinnern wir uns daran, dass es ein Mann aus diesem Bundesstaat war, der die Fahne der demokratischen Partei zum ersten Mal ins Weiße Haus getragen hat und eine Partei auf den Werten der Eigenständigkeit, individueller Freiheit und nationaler Einheit gründete. Diese Werte teilen wir alle. Heute Abend hat die demokratische Partei einen großen Sieg errungen, aber wir haben die Demut sowie die Entschlossenheit, das Trennende zu heilen, das unseren Fortschritt aufgehalten hat.

Wie Lincoln zu einer weit stärker gespaltenen Nation als der unseren sagte: Wir sind keine Feinde, sondern Freunde. Auch wenn Leidenschaft zu Spannungen führt, darf sie nicht unser Band der Zuneigung zerreißen.

An die, deren Unterstützung ich mir erst noch verdienen muss: Ich habe eure Stimme heute nicht bekommen, aber ich höre sie. Ich brauche eure Hilfe. Und ich werde auch euer Präsident sein. (…)

An diejenigen, die die Welt zerstören wollen: Wir werden euch besiegen. An die, die Frieden und Sicherheit wollen: Wir werden euch unterstützen. Und an all diejenigen, die sich gefragt haben, ob Amerikas Licht immer noch so hell strahlt: Heute Abend haben wir einmal mehr bewiesen, dass die wahre Stärke unserer Nation nicht die Stärke unserer Armee oder die Höhe unseres Wohlstands ist, sondern die Kraft unserer Ideale: Demokratie, Freiheit, Chancen für alle und eine unbeugsame Hoffnung. Das ist der wahre Geist Amerikas: Es kann sich ändern. Was wir bereits erreicht haben, gibt uns Hoffnung für das, was wir morgen erreichen können und müssen.

Diese Wahl hatte viele Geschichten. Aber ich denke heute besonders an die einer Frau, die ihre Stimme in Atlanta abgegeben hat. Sie gleicht in vielem den Millionen, die Schlange standen, um zu wählen, außer in einem: Ann Nixon Cooper ist 106 Jahre alt. Sie ist eine Generation nach dem Ende der Sklaverei geboren, in einer Zeit als noch keine Autos auf den Straßen fuhren und keine Flugzeuge am Himmel flogen; als jemand wie sie aus zwei Gründen nicht wählen konnte – weil sie eine Frau war und wegen ihrer Hautfarbe.

Heute Abend denke ich an all das, was sie im Laufe ihres Jahrhunderts in Amerika gesehen und erlebt hat – den Schmerz und die Hoffnung; den Kampf und den Fortschritt; die Zeiten in denen man uns sagte, wir könnten nicht, und an die Menschen, die weitermachten mit der amerikanischen Überzeugung: Ja, wir können.

In einer Zeit, in der die Stimmen der Frauen stumm gemacht und ihre Hoffnungen zurückgewiesen wurden, hat sie erlebt, wie diese Frauen ihre Stimme erhoben und nach dem Wahlzettel griffen. Ja, wir können.

In einer Zeit, in der Dürre und Depression im Land Verzweiflung verbreiteten, sah sie die Nation ihre Angst mit dem New Deal und einem neuen Sinn für ein gemeinsames Ziel besiegen. Ja, wir können.

Sie war da, als die Bomben auf unseren Hafen fielen und Tyrannei die Welt bedrohte, und sie wurde Zeugin, wie eine Generation zu Größe aufstieg und eine Demokratie rettete. Ja, wir können.

Sie war in Montgomery mit dabei, in Birmingham, in Selma, und sie hat erlebt, wie ein Prediger aus Atlanta dem Volk sagte: „We Shall Overcome“ – Wir werden es schaffen. Ja, wir können.

Ein Mann landete auf dem Mond, eine Mauer fiel in Berlin, eine Welt wurde verbunden durch unsere eigene Wissenschaft und Vorstellungskraft. Und in diesem Jahr, hat sie mit ihrem Finger einen Bildschirm berührt und ihre Stimme abgegeben, weil sie nach 106 Jahren in Amerika, durch die besten Zeiten und dunkelsten Stunden hinweg, wusste, wie Amerika sich wandeln kann. Ja, wir können.

Amerika, wir sind so weit gekommen. Aber es ist immer noch so viel zu tun. Heute wollen wir uns fragen: Wenn unsere Kinder das nächste Jahrhundert erleben, wenn meine Töchter das Glück hätten, so lange zu leben wie Ann Nixon Cooper, welchen Fortschritt werden wir gemacht haben? Dies ist unsere Chance. Dies ist unser Augenblick.

Dies ist unsere Zeit, unsere Leute zurück zur Arbeit zu bringen und für unsere Kinder neue Möglichkeiten zu eröffnen, Wohlstand wiederherzustellen und den Frieden voranzubringen, den amerikanischen Traum zurückzugewinnen – und die fundamentale Wahrheit zu bekräftigen, dass wir aus vielen heraus eins sind, dass wir, solange wir atmen, auch hoffen. (…) Denjenigen, die uns sagen, wir können nicht, werden wir mit dem zeitlosen Bekenntnis antworten, das den Geist eines Volkes zusammenfasst: Ja, wir können. Danke. Gott segne euch. Und möge Gott die Vereinigten Staaten von Amerika segnen."

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