Obdachlosen-Mord : Tödlicher "Bordsteinkick“

Die Beschuldigten schweigen im Prozess um den Obdachlosen-Mord in Dessau. Ein Angeklagter soll im Gefängnis mit seiner Tat geprahlt und Einzelheiten geschildert haben, wie ein Zeuge vor Gericht aussagte.

Frank Jansen[Dessau]

Der Zeuge ist selbst ein Häftling und wird in Handschellen in den Saal geführt. Was der Mann am Montag im Landgericht Dessau berichtet, übertrifft noch den Schrecken, den Ende Januar die Verlesung der Mordanklage durch Oberstaatsanwalt Christian Preissner ausgelöst hat. Der Zeuge sagt, der Angeklagte Sebastian K. habe im Gefängnis mit der Tat geprahlt und Einzelheiten geschildert. Zum Beispiel, dass er und der mutmaßliche Mittäter Thomas F. in der Nacht zum 1. August 2008 im Park nahe dem Dessauer Hauptbahnhof einen Obdachlosen derart geschlagen haben, auch mit einem Abfallkorb aus Metall, dass bei dem Opfer Rippen aus Brust und Rücken herausstanden. Und dass sie den Mann zum „Bordsteinkick“ gezwungen haben: Er habe in die Sitzfläche einer Parkbank beißen müssen, dann sei ihm auf den Kopf getreten worden. Dieses Detail weckt den furchtbaren Verdacht, die Täter könnten den Mord von Potzlow nachgeahmt haben, der bundesweit Entsetzen ausgelöst hatte. In dem brandenburgischen Dorf hatten Skinheads im Juli 2002 einen Schüler zu Tode gequält. Das Opfer musste in die Kante eines Schweinetrogs beißen, dann sprang ihm ein Täter auf den Kopf. Die Skinheads hatten den „Bordsteinkick“ aus einem US-Spielfilm imitiert, in dem ein Rassist einen Schwarzen tötet. Nun scheint sich Potzlow wiederholt zu haben.

Wenn der Zeuge die Wahrheit sagt, woran die 6. Große Strafkammer nicht zu zweifeln scheint. Die Aussage des Häftlings passen in wesentlichen Teilen zum Ergebnis der Ermittlungen. Danach haben Sebastian K. (24) und Thomas F. (34) den 50 Jahre alten Hans-Joachim S., der auf der Parkbank lag und dort übernachten wollte, wissentlich getötet – weil sie eine „tiefe innere Miss- und Verachtung“ für das Opfer empfunden hätten, wie es in der Anklage heißt.

Dass Sebastian K. und Thomas F. lebenslang droht, hat der Vorsitzende Richter Manfred Steinhoff zu Prozessbeginn angedeutet. Er mahnte Sebastian K., sollte er trotz der Beweislage auf ein Geständnis verzichten, könnte bei ihm angesichts der Vorstrafen auch eine besondere Schwere der Schuld in Frage kommen. Dann müsste K. mindestens 18 Jahre Haft verbüßen. Am zweiten Prozesstag fragt Steinhoff, ob K. über ein Geständnis nachgedacht habe. Der Richter unterbricht sogar den Prozess, um K. Bedenkzeit zu geben. Doch der stämmige Mann schweigt. Auch Thomas F. bleibt wortkarg.

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