Politik : Oben ohne

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

In großen Städten soll man hoch hinaus wohnen. Dritter Stock ist okay, ab viertem scheint die Sonne morgens übers Nachbarhausdach hinweg ins Zimmer, warm wird es und sommerlich ums Herz, dieweil zwei Stockwerke tiefer die Winterkälte weiter wirkt … schön ist es, hoch hinaus zu wohnen, ein bisschen wie auf der Karibikinsel mit den zwei Palmen. Und genau so einsam. Das liegt an DHL. Kennen Sie nicht? Wohnen Sie vielleicht auch im vierten Stock? Dann ist das kein Wunder, dass Sie die nicht kennen; die kommen nicht bis da.

Die Sache ist die, dass DHL das ist, was früher Paketpost hieß. Paketpost ging so, dass die gute Großmutter ihren Lieben ein Paket schnürte, es mit dem Rentnerporsche zum Postamt karrte, und so zwei, drei Tage später stand bei den Lieben ein Uniformierter vor der Tür und gab das Paket ab. Wenn die Lieben nicht da waren, gab er das Paket beim Nachbarn ab. Wenn der auch nicht da war, warf er einen Benachrichtigungsschein durch den Briefschlitz, und die Lieben holten das Paket beim nächsten Postamt ab.

Seit DHL ist alles anders. Erst gab der Paketbote das Paket kurzerhand in einer der unteren Etagen im Hause ab und pappte irgendwo einen Benachrichtigungszettel hin. Der fiel von der Wand. Niemand wusste vom Paket. Neuerdings kommt, und zwar per Briefpost, nur noch eine Benachrichtigung: Man sei vor drei Tagen nicht da gewesen, das Paket sei also abzuholen, in einem Frachtzentrum am Ende der Welt. Man war aber da. Es hat geklingelt, man hat den Türdrücker bedient. Nur die vielen Treppen empor gestiegen ist keiner. An einsamen Inseln landet wenigstens ab und zu eine Flaschenpost an. Im vierten Stock – nie.

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