Politik : Oberbefehl wider Willen

Thomas Seibert

Die türkische Armee ist nicht gerade dafür bekannt, lange zu zögern. Mit rund 600 000 Mann ist sie die größte europäische Nato-Streitmacht und als eine der wenigen Armeen im westlichen Bündnis kriegserfahren. Auch Auslandseinsätze sind für die türkischen Soldaten nichts Neues: Derzeit dienen sie im Kosovo; grenzüberschreitende Operationen in Nordirak gehören schon fast zum Alltag. Doch wenn es um Afghanistan geht, zaudern die türkischen Generäle plötzlich . Seit Monaten drückt sich Ankara um eine offizielle Entscheidung für oder gegen die Übernahme der Befehlsgewalt bei der Schutztruppe Isaf. Dabei spielt auch die Erinnerung an den UN-Einsatz in Somalia eine Rolle, bei dem die Türkei erstmals die Führung einer internationalen Truppe innehatte.

Zum Thema Dokumentation: Kampf gegen Terror
Fotos: Osama Bin Laden, Krieg in Afghanistan
Im Mai 1993 übernahm der türkische Generalleutnant Cevik Bir das Kommando über die Uno-Truppe Unosom II in Somalia. Parallel zur UN-Truppe, aber nicht unter deren Befehl, waren amerikanische Soldaten in der Hauptstadt Mogadischu im Einsatz. In Birs Zeit als Befehlshaber fielen die schweren Gefechte.Der internationale Somalia-Einsatz versank in Chaos und Blut. "Die Fehler von Somalia müssen vermieden werden", heißt es deshalb in der türkischen Armee. Ankara will zum Beispiel sicherstellen, dass bei der Isaf in Afghanistan die Aufgabenverteilung klar definiert und bereits jetzt die nächste "lead nation" nach Ablauf des türkischen Kommandos bestimmt wird.

Doch die schlechten Erfahrungen in Somalia sind nicht der einzige Grund dafür, warum es die USA und Großbritannien bisher nicht vermocht haben, die Türken zu einem klaren "Ja" zum Afghanistan-Kommando zu bewegen. Die beiden westlichen Partner machen seit Wochen Druck auf Ankara, denn die Türkei ist der einzige Kandidat für das Isaf-Kommando, seit Deutschland abgewunken hat. Doch in Afghanistan sehen sich die türkische Regierung und Armee mehreren Problem-Faktoren gegenüber: Ankara traut weder den Afghanen noch den Verbündeten so recht über den Weg.

"Wenn sich die verschiedenen Gruppen in Afghanistan nicht einigen können, werden die Kämpfe dort möglicherweise wieder aufflammen", erläutert Mehmet Erol vom Zentrum für Strategische Eurasien-Studien in Ankara die Zurückhaltung der Türken. "Die Kriegsherren haben alle noch ihre Leute und Waffen, und außerdem gibt es noch 5000 Al-Qaida- und Taliban-Kämpfer im Land." Nicht zuletzt wegen dieser Situation besteht die türkische Regierung bei den Gesprächen mit den Verbündeten auf klare und schriftliche Zusagen über den Verbleib der Kontingente aus anderen Nato-Staaten in Afghanistan.

Hinzu kommen Unklarheiten über das Einsatzgebiet: Eine Ausweitung des Mandatsraumes der Isaf über Kabul hinaus will die Türkei nicht mittragen, die Risiken wären aus türkischer Sicht zu groß. US-Vizepräsident Dick Cheney soll bei seinen Gesprächen in Ankara in dieser Woche den Türken zwar zugesagt haben, dass die Isaf weiterhin nur im Großraum Kabul aktiv sein soll. Doch diplomatische Beobachter in der türkischen Hauptstadt stellen die Frage, ob Cheney als US-Vizepräsident in einer solchen Frage feste Zusagen machen kann. Sie fällt in die Zuständigkeit der UN.

Der Geldmangel der türkischen Regierung kompliziert das Problem weiter. Cheney versprach in Ankara, Washington werde der Türkei 228 Millionen Dollar zur Finanzierung des Afghanistan-Einsatzes zur Verfügung stellen. Türkischen Angaben zufolge ist diese Summe aber nicht nur für das türkische Isaf-Kommando, sondern auch für andere Aufgaben in Afghanistan vorgesehen; ob die Türkei die von ihr verlangten 150 bis 200 Millionen Dollar erhalten werde, sei noch keineswegs sicher. Kommende Woche soll es eine endgültige Entscheidung geben.

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