Politik : Oberbürgermeisterwahl: Zweikampf der Stellvertreter in Köln

Jürgen Zurheide

Es dauert nur einige wenige Sätze und der Herr Bürgermeister verfällt in seinen rheinischen Tonfall. Obwohl er vorn im Ratssaal auf dem leicht erhöhten Platz des Versammlungsleiters sitzt und sich die Anwesenden für die Ehrung von zahlreichen Spielplatzpaten versammelt haben, hat er hörbare Freude daran, ständig von "Pänz" oder von "Veedel" zu reden; also von den Kindern, die in ihren Stadtvierteln so schön spielen können, weil es Menschen gibt, die sich in ihrer Freizeit ehrenamtlich um die Spielplätze kümmern. Wer Fritz Schramma hier erlebt, ahnt, wie sehr der Mann die fünfte Jahreszeit herbeisehnt, die am 11. 11 um 11 Uhr 11 beginnt. Da möchte er die Narren im Rathaus empfangen und hofft, dies mit der Amtskette des Oberbürgermeisters zu tun, wenn ihn die Wähler der viertgrößten Stadt am kommenden Wochenende zu ihrem Oberbürgermeister gemacht haben sollten. "Kölle is ming Jeföhl", lautet sein Wahlspruch.

Beim Urnengang im September vergangenen Jahres hatte die CDU mit Harry Blum an der Spitze die Stadt überraschend erobert und die 30 Jahre währende SPD-Dominanz gebrochen. Natürlich wussten die CDU-Leute, dass dies mit den Fehlern des SPD-Kandidaten Klaus Heugel zu tun hatte, der verbotene Aktien-Insider-Geschäfte gemacht hatte. Harry Blum, dem selbst viele Christdemokraten das Amt kaum zutrauten, setzte sich am Ende knapp gegen die grüne Anne Lüttkes durch, die inzwischen Justizministerin bei Heide Simonis in Kiel geworden ist. Harry Blum gewann im Amt schnell die Herzen der Kölner und die Trauer war groß, als er plötzlich starb.

Unverhofft rückte Fritz Schramma auf den Anwärterplatz, der sich eigentlich auf ein Leben im Schatten von Blum als einfacher Bürgermeister eingerichtet hatte. "Wir müssen fortsetzen, was Blum begonnen hat", lehnt er sich denn auch bei seinem Wahlkampf am allzu früh verstorbenen Vorbild an. Er überhört, dass der eine oder andere in den eigenen Reihen nicht ganz sicher ist, ob er wirklich erste Wahl ist. "Ich kann ihn mir eher als Bezirksvorsteher von Ehrenfeld vorstellen, denn als Kölner Oberbürgermeister", wird hinter den Kulissen getuschelt, wenn der gelernte Lateinlehrer Schramma um Stimmen wirbt.

Seine sozialdemokratische Gegenkandidatin kämpft mit ähnlichen Image-Problemen wie der Bürgermeister. Die Genossen haben sich für Anke Brunn entschieden, die in ihrem Lebenslauf etliche politische Ämter auflisten kann; die jedoch alle schon eine kleine Weile zurückliegen. Sie war 1970 die jüngste Landtagsabgeordnete, wurde 1981 Familiensenatorin in Berlin und später Wissenschaftsministerin von Johannes Rau. Wolfgang Clement legte ihr Ministerium allerdings mit dem Schulbereich zusammen und schickte sie vor zwei Jahren mit 55 Jahren in den Vorruhestand. Die Kölner Genossen sprachen sich für sie aus, nachdem ein anderer Kandidat abgesagt hatte.

So tingelt sie jetzt über Straßen und Plätze. Dabei versucht sie gar nicht erst, den Gegner in der Abteilung "Kölsch" zu überholen, sie setzt auf Kompetenz. "An der Stadtspitze muss eine eine Frau stehen, die weiß, was sozial und gerecht bedeutet", wiederholt sie immer wieder und erhält für solche Botschaften reichlich Unterstützung aus der Parteispitze. Franz Müntefering ist eigens für den Wahlkampf angereist, selbst Gerhard Schröder hat sich eingemischt.

Natürlich wissen die Genossen, dass der Urnengang am Wochenende erhebliche Signalwirkung haben wird. Vor einem Jahr haben sie viele Rathäuser an Rhein und Ruhr verloren, jetzt hoffen sie auf die Gunst der für sie guten Stimmungslage. Entscheidend dafür wird allerdings die Wahlbeteiligung sein. Die Sozialdemokraten müssen ihre Klientel an die Urnen bringen, sonst macht Fritz Schramma das Rennen. In Umfragen liegt er immer noch vor Anke Brunn, ihm wird allerdings nicht die im ersten Wahlgang nötige absolute Mehrheit zugetraut. Zwei Wochen später müssen die Kölner dann noch einmal ihr Kreuz machen und dann werden die Grünen die Sache entscheiden. Deren Kandidatin Barbara Moritz hat schon öffentlich durchblicken lassen, dass in ihrer Lebensplanung das Bürgermeisteramt nicht vorkommt; aber sie hat in der Hand, ob Brunn es werden wird. Da Rote und Grüne im Rat allerdings keine Mehrheit finden, haben nicht wenige Grüne Angst vor einer Empfehlung zu Gunsten der früheren Ministerin. "Dann gibt es hinter den Kulissen wieder eine große Koalition, den typischen kölschen Klüngel und Brunn hat wenig zu sagen", fürchten grüne Strategen. Deshalb sondieren sie schon einmal die Preise, die die CDU zu zahlen bereit ist, wenn man sich nicht allzu deutlich für Brunn aussprechen wird. Die lässt sich von dem Geschacher wenig beeindrucken. "Wenn es am 03. September nicht klappt, werde ich am 17. gewählt, an meinem Geburtstag", sagt sie und lächelt dabei fast so schön wie auf den Plakaten.

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