Odenwaldschule : Ex-Schulleiter Gerold Becker ist tot

Er galt als eine der Schlüsselfiguren im Missbrauchsskandal um die Odenwaldschule. Verurteilt wurde er nie. Nun ist Gerold Becker in Berlin gestorben.

Gerold Becker Foto: dpa
Gerold BeckerFoto: dpa

Berlin - Es gibt jemanden, der ihn für den größten Pädagogen der Gegenwart gehalten hat, das ist Hartmut von Hentig, ein Nestor der deutschen Erziehungswissenschaft. Ihm, dem Freund und Partner, mag er so in Erinnerung bleiben, für die meisten anderen steht sein Name für den Missbrauchsskandal an der hessischen Odenwaldschule. Jetzt ist Gerold Becker, ihr langjähriger Leiter, in Berlin gestorben. Die Schule steckt derweil mitten in der Aufklärung. Nach einem Zwischenbericht wurden zwischen Ende der 60er Jahre und Anfang der 90er Jahre rund 50 Schüler missbraucht, vor allem Jungen. Verfahren gegen fünf ehemalige Lehrer waren wegen Verjährung im Juni eingestellt worden.

Becker stand im Zentrum des Skandals. Hundertfach, so die Vorwürfe, soll er bei ihm anvertrauten Jungen übergriffig geworden sein. Verurteilt wurde er nie, die Fälle waren verjährt. Opfer oder Zeugen, die von den Vorfällen berichteten, seien von ihm diskreditiert worden, hieß es. Die Reformschule bot dafür Gelegenheit. Die Kinder lebten mit ihren Betreuern in „Familien“, es herrschte eine bündische Solidarität, die mancher als Druck empfand.

Becker studierte Theologie, Pädagogik und Psychologie und arbeitete am Göttinger Lehrstuhl Hartmut von Hentigs. Von 1969 bis 1985 war er an der Odenwaldschule, ab 1972 als Leiter. In Abgrenzung zur autoritären Erziehung der Nachkriegszeit propagierte er Bindung und Nähe. Den Missbrauch mag er vor sich selbst als Teil dieses Konzepts verbrämt haben, jedenfalls gab es bis zum Schluss kein öffentliches Bekenntnis zu seiner Schuld, keine Entschuldigung bei den Opfern, nur einen Brief an die Schule. Er fühlte sich unverstanden und hatte in von Hentig jemanden, der ihn darin unterstützte und so sein eigenes Lebenswerk riskierte.

Mit Journalisten redete Becker nicht. „Warum diese Entscheidung? Das könnte selbstverständlich jeder ernst zu nehmende Kriminologe erklären“, schrieb er einmal, auch jeder Philosoph oder Romanleser, der sich auf Beziehungsgeflechte zwischen Menschen eingelassen habe. Ein menschliches Geflecht. So sah er wohl sein Leben als Lehrer. neu

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