Politik : Öcalan bittet Angehörige von Todesopfern zum Auftakt seines Prozesses um Vergebung

THOMAS SEIBERT

ISTANBUL .Mit einer überraschenden Demutsgeste hat PKK-Chef Abdullah Öcalan zur Eröffnung seines Hochverratsprozesses auf der türkischen Gefängnisinsel Imrali bei Istanbul versucht, seine Chancen in dem Verfahren zu erhöhen.Zu Beginn der Verhandlung vor dem zuständigen Staatssicherheitsgericht bat Öcalan am Montag die Angehörigen von Todesopfern seiner Organisation um Vergebung.Zugleich bot er an, dem türkischen Stadt "zu Diensten zu sein", wie er sagte.Das Blutvergießen müsse aufhören.Statt dessen sollten alle Menschen in der Türkei "für Frieden und Brüderlichkeit" arbeiten.

Der Prozeß auf der streng abgeriegelten Insel im Marmara-Meer soll zunächst bis zum 11.Juni fortgesetzt werden; ein Antrag der Verteidigung, den Prozeß bis zum Abschluß einer geplanten Justizreform in der Türkei zu unterbrechen, wurde vom Gericht abgewiesen.Spätestens in zwei Monaten soll das Verfahren abgeschlossen sein.Bei einem Schuldspruch droht Öcalan die Todesstrafe, über deren Vollstreckung aber das Parlament in Ankara zu entscheiden hätte.

Öcalan war nach seiner Gefangennahme in Kenia am 16.Februar nach Imrali gebracht worden, wo er seitdem als einziger Häftling einsitzt.Seine Anwälte hatten in den vergangenen Wochen erklärt, der Rebellenchef wolle sich im Prozeß als Gesprächspartner der türkischen Seite bei der Suche nach einer politischen Lösung im Kurdenkonflikt empfehlen.In Kurdenkreisen hieß es, diese Linie werde auch von der PKK gutgeheißen.Die Führung der Kurdenorganisation werde sich in den kommenden Tagen dazu äußern.

In seiner Rede kritisierte Öcalan unter anderem Griechenland, Rußland und Italien, die ihm während seiner Odyssee im vergangenen Jahr politisches Asyl verweigert hätten.Nach Öcalans Erklärung verlas die Staatsanwaltschaft die Anklageschrift; die erste Sitzung ging am Montag nachmittag zu Ende.Dem PKK-Chef wird vorgeworfen, die Gründung eines eigenen Kurdenstaates auf türkischem Gebiet angestrebt und damit die staatliche Einheit der Türkei angegriffen zu haben.Zudem soll er für den Tod mehrerer tausend Menschen verantwortlich sein.

Der erste Tag des Öcalan-Prozesses auf Imrali fand unter strengen Sicherheitsmaßnahmen statt.Der Angeklagte saß während der Verhandlung in einem Käfig aus schußsicherem Glas; Prozeßbeobachter auf der Insel wurden genauestens kontrolliert: Die Armee nahm ihnen Fingerabdrücke ab; zudem wurden ihre Augen für ein elektronisches System zur Iris-Erkennung fotografiert.

Anläßlich des Prozeßauftakts gegen Öcalan kritisierten am Montag deutsche Politiker von Koalition und Opposition die Bedingungen des Verfahrens und mahnten eine faire Verhandlung an.Die PDS bezeichnete das Verfahren als "juristische Farce" und "politische Willkür".Die Partei forderte die Einberufung einer internationalen Konferenz zur Lösung des Kurden-Konflikts.

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