Politik : Öcalan hilf!

Inhaftierter PKK-Chef soll zum Frieden aufrufen / Der Busfahrer will den Täter von Kusadasi gesehen haben

Susanne Güsten[Istanbul]

Etwa 25 bis 30 Jahre alt, dunkler Teint, glatt rasiert: So soll der Mann ausgesehen haben, der am Samstag im westtürkischen Ferienort Kusadasi mit einer in einem Bus versteckten Bombe fünf Menschen getötet hat. Schon morgens um 7 Uhr sei der Unbekannte erstmals in den Bus eingestiegen und bis zur Explosion dreieinhalb Stunden später mehrmals die Tour zwischen der Stadt Kusadasi und dem Strand mitgefahren, sagte der bei dem Anschlag erblindete Busfahrer der Polizei. Fünf Minuten vor der Explosion sei der Mann ausgestiegen. Vorher habe er nervös an seinem Handy herumgefingert. Ob er die Bombe per Anruf gezündet hat, ist unklar.

Während die türkische Polizei weiter die Reste der Bombe analysiert, Überlebende befragt und nach dem verdächtigen Mann im Bus fahndet, geht auch die Diskussion über die Hintermänner der Tat weiter. Als Hauptverdächtige gelten nach wie vor kurdische Extremisten aus dem Umfeld der verbotenen Rebellenorganisation PKK. Aber welcher Teil der tief zerstrittenen Bewegung in Kusadasi zuschlug und welche Ziele die Attentäter damit verfolgten, bleibt ungewiss.

Angesichts der schwierigen Situation wird in der türkischen Presse ein ungewöhnlicher Lösungsvorschlag diskutiert: Der inhaftierte PKK-Chef Abdullah Öcalan soll seine Organisation zum Frieden aufrufen. Doch ob ein Appell Öcalans den Terror stoppen könnte ist fraglich. Gerade den radikalen Teilen der vormaligen PKK gilt der Rebellenchef seit seinem Schuldeingeständnis vor einem türkischen Gericht 1999 als Verräter der kurdischen Sache.

Die einst geschlossene PKK ist in viele kleine Grüppchen zerfallen, was der Polizei die Suche nach den Tätern erschwert. Im vergangenen Jahr setzte sich das halbe Zentralkomitee der PKK aus Protest gegen den neuen Gewaltkurs der Organisation ab. Die Dissidenten werfen der PKK vor, die abtrünnigen Mitglieder mit Todesbefehlen zu jagen. Dabei sollen sie bereits mehrere von ihnen ermordet haben. Die Chefs der politischen PKK-Nachfolgeorganisation in Europa und der Guerillatruppen in Nordirak distanzierten sich zwar von dem Anschlag in Kusadasi, doch glaubwürdig klingt das nicht. Noch vor einer Woche bekannte sich die Splittergruppe „Freiheitsfalken Kurdistans“ (TAK) in PKK- Medien zum Anschlag im nahe von Kusadasi gelegenen Badeort Cesme am 10. Juli und kündigte weitere Anschläge an. Auch ihr politisches Manifest und ihre Drohungen gegen Touristen präsentierten die TAK-Terroristen in den Medien der PKK. Türkische Sicherheitsbehörden spekulieren, dass die Bombenanschläge auf das Konto von Terrorzellen im Befehl des PKK-Kommandanten Murat Karayilan gehen könnten. Allerdings könnte es sich auch um eine unabhängig agierende Gruppe handeln, die sich aus der PKK- Hierarchie ausgeklinkt hat – so wie das in den letzten Jahren schon mehrere Gruppen getan hatten, darunter möglicherweise die „Freiheitsfalken“.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben