OECD lobt Ankara : Die Türkei boomt: "Haben USA und Europa hinter uns gelassen"

Mit einem Wachstum von elf Prozent im ersten Halbjahr sprintet das Land aus der globalen Krise. Die OECD lobte die Türkei in einem am Mittwoch vorgestellten Bericht deshalb ausgiebig.

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Viel Verkehr = viel zu tun. Die türkische Wirtschaft boomt - nicht nur in Istanbul.
Viel Verkehr = viel zu tun. Die türkische Wirtschaft boomt - nicht nur in Istanbul.Foto: dpa

Der Istanbuler Verkehr irrt nicht. Noch vor wenigen Monaten war die TEM, der Autobahnring um die türkische Metropole, zumindest außerhalb der Stoßzeiten einigermaßen frei von Staus - doch damit ist es jetzt vorbei. Das Ende der Wirtschaftskrise ist an der stetig steigenden Zahl von kleinen Lieferwagen, mittelgroßen Lastwagen und riesigen Container-Tiefladern abzulesen, die sich zu allen Tages- und Nachtzeiten über die Autobahn schieben. Kein Zweifel: Die Türkei boomt.

Es sind nicht mehr nur die klassischen Felder der türkischen Wirtschaft, die den Aufschwung tragen. Zwar spielen Textilexporte weiterhin eine große Rolle, doch andere Bereiche werden wichtiger, allen voran die Autoindustrie. Weltunternehmen wie Ford, Toyota und Renault lassen in der Türkei immer mehr Wagen für den türkischen und den europäischen Markt fertigen.

Die türkischen Exporte profitieren zudem von der neuen türkischen Außenpolitik, zu deren Grundsätzen das Ziel von 'Null Problemen' mit allen Nachbarstaaten gehört. Das zahlt sich auch wirtschaftlich aus: Nach den neuesten Zahlen wuchsen die türkischen Ausfuhren in die Länder der unmittelbaren Umgebung in den vergangenen Monaten um bis zu 50 Prozent. In den südtürkischen Provinzen sind Besucher und Konsumenten aus dem Nachbarland Syrien nach dem Wegfall der Visumspflicht zu einem so starken Wirtschaftsfaktor geworden, dass Einkaufszentren bereits Hinweisschilder in arabischer Schrift aufhängen.

Auch der private Konsum steigt, begünstigt durch eine fallende Arbeitslosigkeit, die seit Jahresbeginn um vier Prozentpunkte auf 10,5 Prozent gesunken ist. Eine neue türkische Mittelschicht hat einen riesigen Nachholbedarf an Autos, Kühlschränken und Eigentumswohnungen - allein der türkische Bausektor legte im zweiten Quartal des Jahres um mehr als 20 Prozent zu, Ikea plant mehrere neue Märkte.

Die wirtschaftliche Öffnung der Türkei in den vergangenen Jahren hat zudem viele internationale Unternehmen angezogen, die vom Bosporus aus ganze Weltregionen betreuen. Coca Cola und Microsoft halten es bereits seit Jahren so, und es kommen immer neue Firmen hinzu. So gab das Schweizer Rolltreppen- und Fahrstuhlunternehmen Schindler kürzlich bekannt, die Türkei zum Stützpunkt für sein Geschäft in 50 Ländern machen zu wollen.

Angesichts so vieler positiver Trends hat die türkische Regierung ihre Wachstumserwartungen für das laufende Jahr von 3,5 auf sieben Prozent verdoppelt, die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) geht von mehr als sechs Prozent aus. „Wir haben die USA, Europa und den OECD-Durchschnitt hinter uns gelassen – jetzt messen wir uns mit China“, kommentierte die Zeitung „Türkiye“ den Aufschwung.

Aus der Tatsache, dass die Türkei so gut aus der globalen Finanzkrise gekommen sei, ergebe sich die Chance für längerfristig wirksame Maßnahmen wie die Eindämmung der Schattenwirtschaft, merkte die OECD in ihrem Türkei-Bericht an. Zudem solle die türkische Zentralbank ihre Niedrigzins-Politik allmählich aufgeben. Stabilität und vernünftige Rahmenbedingungen sind von großer Bedeutung – denn bisher betrachten viele Investoren und auch die großen Ratingagenturen die Türkei eingedenk der vielen schweren Krisen der Vergangenheit immer noch mit sehr viel Vorsicht. Der Aufschwung sei eine „goldene Gelegenheit für strukturelle Reformen“, betonte die OECD.

Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan signalisierte den Türkei-Investoren, dass er die Forderung nach Stabilität verstanden hat: Der Premier, der im Kommunalwahlkampf des vergangenen Jahres freizügig Waschmaschinen und andere Wohltaten verteilen ließ, wies seine Minister an, vor der Parlamentswahl im kommenden Jahr alles zu unterlassen, was als Wahlgeschenk verstanden werden könnte. Nach seinem deutlichen Erfolg beim Verfassungsreferendum am vergangenen Sonntag ist Erdogan wohl sicher, die nächste Wahl auch ohne Waschmaschinen gewinnen zu können.

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