Politik : Öko zum Vorzeigen

Der Nitrofen-Skandal hat den Bio-Bauern geschadet. Trotzdem wächst die Branche weiterhin zweistellig

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Von Dagmar Dehmer

Die Erfolgsbilanz ist nicht ganz ungetrübt. Der Nitrofen-Skandal lässt die Zwischenbilanz von Verbraucherministerin Renate Künast (Grüne) über das Bundesprogramm ökologischer Landbau etwas weniger strahlend erscheinen, als sie das wohl selbst gehofft hatte. Weil die seit Jahrzehnten verbotene Chemikalie Nitrofen ausgerechnet in Öko-Produkten aufgetaucht war, seien „Niederschläge zu verzeichnen gewesen“, sagte sie am Donnerstag auf dem landwirtschaftlichen Musterbetrieb Domäne Dahlem in Berlin. Vermutlich meinte sie Rückschläge, aber der viele Regen in diesem Sommer hat die Euphorie bestimmt auch nicht gesteigert. Jedenfalls ist die Bereitschaft der Verbraucher, ökologisch erzeugte Produkte zu kaufen, wegen des Nitrofen-Skandals von 39 auf 32 Prozent zurückgegangen. Diese Umfrage kann der Ministerin nicht gefallen.

Dafür hatte Künast auch noch eine andere, für sie erfreulichere Statistik zu bieten. Die Bio-Branche ist im vergangenen Jahr um rund 15 Prozent gewachsen. Inzwischen werden 3,7 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche in Deutschland ökologisch bewirtschaftet, im Jahr zuvor waren es noch 2,8 Prozent gewesen. Zwar ist das Ziel von 20 Prozent Öko-Landbau bis 2010 noch weit entfernt, aber zumindest scheint es nicht unerreichbar, wenn die Branche weiter in diesem Tempo wächst. Dazu soll auch das Bio-Siegel beitragen, das Künast in diesem Jahr eingeführt hat. Rund 10 000 Produkte von 600 Firmen tragen das Siegel inzwischen. „Die Resonanz von Verbrauchern und Unternehmen ist durchaus positiv“, sagte Künast am Donnerstag.

Die Domäne Dahlem gehört zu den rund 200 Demonstrationsbetrieben, die Künasts Ministerium mit dem Bundesprogramm ökologischer Landbau fördert. Für die Jahre 2002 und 2003 hatte die Ministerin je 35 Millionen Euro für das Programm zur Verfügung gestellt. Damit sollen nicht nur Bauern motiviert werden, ihre Höfe auf den Öko- Landbau umzustellen. Der Großteil der Mittel wird für die Werbung ausgegeben. „Das Programm schließt noch verbliebene Lücken bei der Förderung von Information, Qualifikation und Beratung“, sagte Künast. Damit zielt sie in die gleiche Richtung wie mit dem Bio-Siegel. Denn wenn die Nachfrage der Verbraucher nicht wächst, können Öko-Bauern auch nichts verdienen.

Diese Lehre hat Renate Künast aus Sicht des Deutschen Bauernverbands (DBV) allerdings noch nicht ausreichend verinnerlicht. In einem Kommentar zu Künasts Zwischenbilanz heißt es: „Der Markt muss sich im Einklang von Angebot und Nachfrage so entwickeln, dass die Öko-Landwirte die notwendigen höheren Preise erlösen können.“ Der DBV beklagt, dass ausländische Konkurrenten, deren Produkte ebenfalls das Bio-Siegel tragen dürfen, zum Teil billiger produzieren, und die heimischen Öko-Bauern damit unter Preisdruck setzen. Peter Harry Carstensen, der für die Union im Kompetenzteam die Agrarpolitik vertritt, kritisierte das Öko- Landbau-Programm sogar noch schärfer. Künast gehe damit „ihren realitätsfernen Weg der übertriebenen Nachfrageförderung weiter und setzt damit die ganze Branche unter Preisdruck“, bemängelte Carstensen.

Renate Künast lässt diese Kritik allerdings nicht gelten. „Ich meine, dass Bio auf einem guten Weg ist“, sagte sie am Donnerstag. Damit das so bleibt, sollen aus dem Bundesprogramm ökologischer Landbau nun auch vermehrt Forschungsprojekte gefördert werden. Denn bisher plagen sich Öko-Bauern häufig mit Nutzpflanzen oder Tieren, die eigentlich für die konventionelle Landwirtschaft gezüchtet worden sind. Noch fehlen ihnen robustere Arten, die ihren Bedürfnissen angepasst sind.

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