Ökologie : Wie der Begriff "planetare Grenzen" Eingang in die Regierungspolitik fand

In der Ökologie hat sich der Begriff "planetare Grenzen" etabliert. Er soll deutlich machen, dass der Planet nicht grenzenlos ausgebeutet werden kann. Die Regierung hat diesen Begriff jetzt übernommen.

Johan Rockström hat das Konzept der planetaren Grenzen 2009 erstmals der Fachöffentlichkeit vorgestellt.
Johan Rockström hat das Konzept der planetaren Grenzen 2009 erstmals der Fachöffentlichkeit vorgestellt.Foto: M. Axelsson/Azote

Das Konzept der „planetaren Grenzen“, innerhalb derer menschliche Entwicklung stattfinden kann, hat es in die deutsche Regierungspolitik geschafft. In der jüngst neu aufgelegten Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung findet sich der Satz. Darauf wies der Leiter der Grundsatz-Abteilung im Umweltministerium, Dietmar Horn, am Montag hin. Dort wird das Prinzip, die planetaren Grenzen einzuhalten bereits zur Grundlage politischen Handelns erklärt.

In der Praxis ist das noch nicht überall angekommen. Aber seine Chefin Barbara Hendricks (SPD) hatte ihr Verständnis der planetaren Grenzen zur Eröffnung einer zweitägigen Konferenz am Morgen bereits so formuliert: „Wir leben nicht nur über unsere Verhältnisse sondern auch über die anderer Menschen.“

2009 haben Johan Rockström vom Stockholm Resilience Institute und andere Erdsystemforscher das Konzept der planetaren Grenzen der Fachöffentlichkeit vorgestellt. 2015 haben sie die neun überlebenswichtigen Erdsysteme, deren Grenzen nicht überschritten werden sollten, noch einmal aktualisiert und dabei festgestellt, dass in vier dieser Sphären die Grenze in Sicht oder schon überschritten ist.

Damit meint Rockström beispielsweise, dass das Klimasystem kurz vor dem Punkt steht, an dem Vorhersagen kaum noch möglich sind. Das Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) hat diese Kipppunkte im Klimasystem beschrieben. Dazu gehört das massenhafte Absterben der Korallenriffe, das die Welt jetzt, bei einer globalen Temperaturerhöhung von gut einem Grad, bereits erlebt. Selbst wenn die Ziele des Pariser Klimaabkommens eingehalten, und die globale Erhitzung deutlich unter zwei Grad im Vergleich zum Beginn der Industrialisierung gehalten würde, wären Korallenriffe nicht mehr zu retten.

In der Wissenschaft werden solche Ereignisse, die wie eine Kettenreaktion und sich selbst verstärkend wirken, als „nicht-linear“ bezeichnet. Ähnliches gilt für das Schmelzen der Eismassen auf Grönland und damit im Zusammenhang die Abschwächung des Golfstroms, der Europas Temperaturen moderat hält.

Ökonomie versus Ökologie

Auch beim Phosphor- und dem Nitrat-Haushalt der Welt ist das System global völlig außer Kontrolle geraten. Die Ozean-Versauerung, die unmittelbar mit den viel zu hohen Kohlendioxid-Gehalten in der Atmosphäre und in den Meeren zusammenhängt, gehört ebenso zu den Systemen, deren Grenzen in Sicht sind, wie das globale Artensterben.

Rockström wirbt für die alte Erkenntnis, dass ohne funktionierende Ökosysteme auch keine wirtschaftliche Entwicklung stattfinden kann. Das Nachhaltigkeitskonzept, das von einer Gleichwertigkeit der ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung ausgehe, habe eine „Mickeymaus-Ökonomie“ erschaffen, sagte er und zeigte ein Dollar-Zeichen mit Mickeymaus-Ohren, die Ökologie und Soziales repräsentieren.

Damit meint er: Die Ökonomie hat immer die Oberhand, Soziales und Ökologie werden zum Beiwerk. Tatsächlich müssten die 17 globalen Nachhaltigkeitsziele aber innerhalb der ökologischen Belastungsgrenzen der Erde erreicht werden. Dafür werde es nicht reichen, technologische Durchbrüche zu organisieren, ergänzte Harry Lehmann, im Bundesumweltamt für Nachhaltigkeit zuständig. Er sieht das größte Problem für das Konzept in der Kommunikation aus der Wissenschaft in die Politik, die Wirtschaft und die Gesellschaft.

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