Ökonomisierung des Gesundheitswesens : So funktioniert Medizin nun einmal nicht

In der Medizin geht es zu wie in der Industrie: Effizienz ist gefragt, Abwarten verpönt. Aber so funktioniert das nicht! Ein Aufruf zur Umkehr

Giovanni Maio
Das Dilemma: Manchmal hilft dem Patienten auch, wenn gar nichts getan wird, aber wie soll ein Arzt so eine Empfehlung abrechnen?
Das Dilemma: Manchmal hilft dem Patienten auch, wenn gar nichts getan wird, aber wie soll ein Arzt so eine Empfehlung abrechnen?Foto: laif

Die Medizin kann heute viel mehr als noch vor wenigen Jahrzehnten: Sie kann mehr diagnostizieren, mehr erkennen, mehr behandeln, kurz: mehr machen. Das ist pauschal nicht zu beklagen, bewirkt aber, dass es schwieriger wird, etwas zu unterlassen: Es gibt in der heutigen Zeit einen grundsätzlichen Hang zum Machen – sogar wenn Unterlassen besser für den Patienten wäre. Das ist eine fatale Entwicklung. Wie kann man sie umlenken?

Krankwerden ist eine Art „Herausfallen“ aus dem Normalität des Alltags, eine Erkrankung stellt alles infrage und verursacht zunächst einmal Chaos. Kommt der Patient nun zum Arzt, wünscht er sich nichts sehnlicher als zu wissen, wie es weitergeht, wie es wieder gut wird. In dieser Situation der Angst und der Sorge kann eine aufwendige Diagnostik beruhigend wirken: Es entsteht der Eindruck, dass man die Widrigkeit der Situation angeht.

Ärztliche Leistung soll dokumentiert werden, aber sie ist kein Produktionsprozess

Dies zeigt, dass eine pauschale Parole, einfach weniger zu tun, nie aufgehen würde. Man muss als Arzt immer etwas tun, um dem Patienten zu zeigen, dass jemand da ist, der sich um ihn kümmert, sich für ihn interessiert und ihn ernst nimmt. Das ist auch das Erfüllende an dem Beruf: helfen, etwas Sinnvolles tun, und kein Arzt hat Freude daran, Sinnloses zu verordnen. Wenn dies dennoch geschieht, dann vor allem aus systemischen Gründen, die man sich bewusst machen muss.

Grundproblem ist die Fehlannahme, dass es in der Medizin wie in der Industrie zugehen solle. Wer die ärztliche Leistung als einen Produktionsprozess ansieht, reduziert die ärztliche Betreuung auf die Addition von Vollzügen. Doch dieser Vollzug enthält nicht alles, was ein Arzt tatsächlich leistet.

Die Leistung der Ärzte wird im Zuge der Ökonomisierung illegitimerweise reduziert auf den dokumentierbaren Eingriff. Der vorausgehende Prozess der vielen informellen Gespräche, des Zusammenführens von Informationen, Anamnese, Diagnostik, und des Nachdenkens wird nicht in Anschlag gebracht.

Je mehr man Ärzte nach der Zahl ihrer Eingriffe und der dokumentierbaren Parameter bewertet, desto mehr werden sie vergessen, dass sie täglich mehr leisten, als abgebildet wird. Die Fokussierung auf den Vollzug ist eine Entwertung der eigentlichen Leistung der Ärzte. Dadurch werden sie anfälliger, in die Ausweitung der Menge zu flüchten. Dabei bräuchten sie nicht zu flüchten. Sie müssten vielmehr ihre Qualifikation verteidigen.

Therapie erfordert Fingerspitzengefühl und Behutsamkeit

Was der Arzt durch seine Behandlung bewirkt, ist kein „eigenes Werk“. Er greift immer in einen bestehenden Körper ein – nicht um etwas Neues zu produzieren, sondern um etwas Bestehendes zu unterstützen. Ein guter Arzt weiß, dass dieser lebendige Körper seinen Beitrag leisten muss, wenn alle therapeutische Mühe nicht umsonst sein soll. Wäre medizinische Leistung eine Produktion, so könnte der Arzt einfach nach Gebrauchsanweisung vorgehen. Doch beim Therapieren geht es nicht um Gebrauchsanweisungen – es geht um Fingerspitzengefühl.

Das Eingreifen in einen lebenden Organismus ist weit diffiziler als die Herstellung einer Sache. Während zur Herstellung perfekte Anordnung und Standardisierung nötig sind, liegt das Wesentliche der Therapie darin, das richtige Maß zu finden: das Maß, das genau zu diesem einen Patienten passt. Der Wert des Behandelns liegt nicht wie bei der Produktion im perfekten Schema, sondern im behutsamen Herausfinden dessen, was dem Kranken dient: Es geht um nichts anderes als um den Wert der Behutsamkeit.

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