Politik : Öl und andere Energien

WARUM WILL BUSH KRIEG?

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Von Robert von Rimscha

Amerika hat Interessen. Kalte, egoistische, harte Interessen. So, wie viele Staaten sie haben, wie aber nur wenige sie ähnlich ungebremst durchsetzen können. Weil die einzige Supermacht aber so häufig Hehres und Moralisches im Munde führt, hat es die Welt oft nicht leicht, sich ein Bild von den Motiven dessen zu machen, was in Washington beschlossen wird. Wer regiert dort wirklich? Kalter, nüchterner Realismus? Oder doch missionarischer Idealismus? Verbrämt Letzterer nur Ersteren? Ein kurzes, klebriges Wort ist die beste Illustration für die Zweifel, die die Welt hegt, wenn es um Amerikas Triebfedern geht. Das Wort heißt Öl.

Zu den Interessen der Supermacht im Großraum Nahost gehört das Strategische, natürlich auch Hilfe für Israel, und ebenfalls das Interesse an Öl. Eine Weltmacht, die sich nicht um die wichtigste Energiequelle kümmert, wäre töricht. Und so braucht man gar nicht hinter vorgehaltener Hand zu munkeln, es gäbe da einen bösen Verdacht: Amerika gehe es ums Öl. Es ist viel einfacher. Amerika geht es ums Öl – auch. Dass andere Gründe für einen Krieg gegen Irak vorgeschoben seien und der Kriegsgrund Öl der einzig wahrhaftige wäre – das allerdings ist ein falsches Verständnis von der Vielschichtigkeit des Antriebs, der die Regierung von George W. Bush täglich näher an einen Krieg rücken lässt.

Kaum eine USRegierung war je personell und biografisch so eng mit Öl-Interessen verflochten. Endlos ist die Liste der Minister, den Präsidenten und Vizepräsidenten schließt sie ein, die Unternehmer im Energiebereich waren. Bushs hemdsärmeliger Stil spiegelt dies wider. Öl ist indes mehr als ein Arbeitsfeld. Öl ist ein Reizwort. „Blut für Öl“: Da wird empörungsschwanger suggeriert, die Regierung einer Weltmacht täusche über ihre wahren Interessen hinweg. Sie opfere ihre Bürger und die Zivilisten des Angegriffenen für schnöde Wirtschaftsinteressen. Dass dieser Verdacht wie ein Reflex auftaucht, je unausweichlicher der Krieg scheint, dass seine öffentliche Wiederholung sich lawinenhaft vermehrt, das alles ist indes auch dem Umstand geschuldet, dass die Welt sich so schwer tut, den wahren Kriegsgrund zu verstehen.

Wofür will Amerika Krieg führen? Um Saddam seine Waffen wegzunehmen? Um Saddam zu stürzen? Um in der Krisenregion Nahost das anzufangen, was in Europa seit 1945 mit enormem Aufwand gelang – die dauerhafte Demokratisierung und Befriedung nämlich? Um den Islam gefügig zu machen? Weil Amerika schlicht ein „window of opportunity" nutzen möchte, also die eigene Vorherrschaft auskosten, bevor mit China in ein oder zwei Jahrzehnten ein Konkurrent erwächst, der solche globale Ordnungspolitik blockieren würde?

Die bisherige, offizielle Begründung für den Waffengang ist dürftig. Im Geflecht zwischen geheimen Waffenprogrammen Bagdads, den tatsächlichen Funden der Inspekteure, den Lücken im 12000-Seiten-Papier Saddams, Geheimdienstvermutungen und nebulösen Erkenntnissen über das, was US-Vizepräsident Cheney die „Ehe" zwischen Al Qaida und Saddam nennt, lässt sich vieles an Verdachtsmomenten finden, aber wenig, was einem klaren Kriegsgrund nahe kommt. So unklar, wie die Bedrohung durch Bagdad ist, so unklar ist auch die US-Begründung, warum Saddam jetzt niedergerungen werden müsse. Hieraus speist sich legitime Skepsis, aber eben auch die Bereitschaft, sich auf einfach anmutende Alternativen einzulassen: In Wahrheit geht es doch nur ums Öl. Dies ist eine solche Vereinfachung. Nicht unwahr, aber auch nicht wahr.

Jimmy Carter, Träger des Friedensnobelpreises, hat es als „töricht“ bezeichnet, zu glauben, Amerika gehe es bei einem Irak-Krieg um Öl. Und noch jemand hat sich zu Wort gemeldet. In eindringlichen Worten hat der Papst daran erinnert, dass Krieg allenfalls das allerletzte aller denkbaren Mittel sein dürfe, keinesfalls aber ein Instrument nationalen Eigennutzes. Beide, Carter und der Papst, erinnern an das Gleiche. Unausweichlich mag der Aufmarsch am Golf sein. Die inhaltliche Begründung für diesen Krieg ist nicht von unausweichlicher Zwangsläufigkeit. Darauf aber hätte die Welt einen Anspruch. Auch, um sich nicht angeblicher Zwangsläufigkeiten, wie jener vom Öl, als Krücke bedienen zu müssen.

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