Politik : Ölboom südlich der Sahara

Lagerstätten in Schwarzafrika werden für den Weltmarkt immer interessanter – doch die Menschen profitieren davon kaum

Wolfgang Drechsler[Kapstadt]

Erdöl aus Afrika wird immer begehrter. Bereits in den nächsten zehn Jahren dürften die Rohölproduzenten südlich der Sahara ihre Förderung fast verdoppeln. Der hohe Weltmarktpreis und neue Technologien machen nun auch die Erschließung von zuvor als unökonomisch eingestuften Ölvorkommen im Tiefseebereich lukrativ.

Kein Wunder, dass der Weltkongress der Erdölindustrie Ende letzten Monats erstmals im südafrikanischen Johannesburg stattfand. Zwar zeichnet der Kontinent derzeit nur für rund acht Prozent der weltweiten Erdölproduktion verantwortlich. Doch wurden in den letzten Jahren mehr als ein Drittel aller neuen Lagerstätten in Afrika gefunden. Experten gehen davon aus, dass allein im Golf von Guinea, jener Stelle, wo der schwarze Kontinent einen scharfen Bogen von Zentral- nach Westafrika macht, mehr als 60 Milliarden Barrel vor der Küste lagern. Aber auch das Festland, insbesondere der Sudan und Tschad, gelten als erfolgversprechend.

Der Hauptinteressent an diesen Vorräten sind die Vereinigten Staaten. Schon heute beziehen sie rund 15 Prozent ihrer Ölimporte aus Afrika. Bis 2015 soll dieser Anteil auf 25 Prozent steigen und damit über den Einfuhren aus dem Persischen Golf liegen. Die europäischen Länder importieren derzeit etwa acht Prozent ihres Erdöls aus Schwarzafrika und wollen diesen Anteil ebenfalls erhöhen. Bereits jetzt investieren die großen europäischen und amerikanischen Ölkonzerne wie Total, Shell oder ExxonMobil jedes Jahr mehrere Milliarden Dollar in der Region.

Die deutlichsten Steigerungen erwarten Experten in Nigeria und Angola, den beiden wichtigsten Ölförderern in Schwarzafrika. Nigeria will seine gegenwärtige Produktion bis 2010 von 2,4 Millionen auf vier Millionen Barrel schrauben. Auch in Angola wird eine Verdoppelung der Förderung auf 2,1 Millionen Barrel pro Tag angestrebt. Damit würde das südwestafrikanische Land mengenmäßig mit Libyen gleichziehen, dem drittgrößten Produzenten in Afrika nach Nigeria und Algerien. Probebohrungen zufolge besitzt die frühere portugiesische Kolonie heute die reichsten Tiefseeölfelder der Region. Seine Reserven sollen sogar noch größer als die von Kuwait sein.

Afrikanisches Tiefseeöl ist bei den Abnehmern beliebt, weil es leicht und schwefelarm ist – und sich dadurch einfacher zu Benzin verarbeiten lässt. Auch dauert die Verschiffung in die USA über den Atlantik nur halb so lang wie aus den Lagerstätten im Nahen Osten. Ein weiterer Pluspunkt liegt schließlich darin, dass Afrikas Staaten mit Ausnahme von Nigeria keine Opec-Mitglieder sind – und deshalb die Nachfrage und nicht das Kartell den Preis bestimmt.

Angefacht wird der Optimismus der afrikanischen Produzenten von dem unerwarteten Geldsegen, den ihnen die stark gestiegenen Erdölpreise zuletzt beschert haben. Jüngste Schätzungen gehen davon aus, dass ihre Steuereinkünfte durch die höheren Öleinnahmen allein im letzten Jahr um zusätzliche fünf Milliarden Dollar gestiegen sind – ein Zuwachs um rund 40 Prozent. In diesem Jahr dürften die Mehreinnahmen nach Expertenangaben noch einmal darüber liegen.

Einer Studie des in London ansässigen Overseas Development Institute zufolge werden Afrikas acht größte Ölexporteure einen gemeinsamen Überschuss von 35 Milliarden Dollar erzielen, falls der Rohölpreis bis 2015 im Schnitt bei 55 Dollar pro Fass liegt. Allein mit diesem Betrag könnte die gegenwärtige Finanzierungslücke beim Erreichen der von den UN angestrebten Milleniumsziele für den Kontinent geschlossen werden.

Allerdings sind die Gelder aus dem Ölexport bislang selten in die Entwicklung der Staaten geflossen. Nach Angaben einer Studie der Organisation Human Rights Watch sind zum Beispiel in Angola zwischen 1997 und 2002 mehr als vier Milliarden Dollar an staatlichen Öleinnahmen spurlos aus dem Haushalt verschwunden. Der unauffindbare Betrag entspricht den gesamten Sozialausgaben für diesen Zeitraum, einschließlich der großen Summen, die Geberländer und private Spender zur Verfügung stellten.

Daneben stoßen viele afrikanische Staaten im Zuge der Ausbeutung ihrer Ölvorräte auf institutionelle und finanzielle Barrieren, wie etwa den Mangel an Fachkräften, wodurch viele Pläne verzögert werden oder scheitern kö nnten. Die größten Probleme bereitet aber die Finanzierung vieler Projekte. Dazu zählt das Vorhaben, eine 4000 Kilometer lange Untergrundpipeline von Nigeria nach Algerien zu bauen und von dort durch das Mittelmeer nach Spanien und Italien zu verlängern. Im Tschad ist eine ähnliche, wenn auch weit kürzere Pipeline indes mit Erfolg gebaut worden; auch wenn das dortige Regime eine erste Tranche der Weltbank zunächst für ein Waffengeschäft ausgab.

Gleichwohl hat sich auch hier das Los der armen Bevölkerung dadurch kaum verbessert. Obwohl der gegenwärtige Ölboom Afrikas drängendste Probleme lösen und einen Gutteil der Entwicklungsgelder überflüssig machen kö nnte, haben die Mehreinnahmen viele Krisen nur verschärft. So ist das jährliche Pro-Kopf-Einkommen in Nigeria in den letzten 25 Jahren von 800 auf 300 Dollar geschrumpft. Das Gleiche gilt für Angola, wo ein Großteil der Menschen angesichts der korrupten Machthaber noch immer auf Lebensmittelhilfe angewiesen bleibt. Nicht viel besser steht es um den Sudan und Äquatorialguinea, die beiden anderen großen Erdölförderer in Schwarzafrika: Auch hier werden die Erlöse aus dem Ölboom nicht produktiv investiert, sondern fließen ganz überwiegend in die Taschen einer korrupten politischen Elite.

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