Politik : Österreich: "Gemütlich bin ich selber"

Paul Kreiner

Mit dem Wahlsieg hatte er ja gerechnet, aber als es dann die absolute Mehrheit wurde, da musste selbst Michael Häupl ein paar Tränen verdrücken. Keine Umfrage hatte ihm das vorhergesagt, "und ich hatte auch kein Gefühl in mir". Tatsächlich? Dann wäre es das erste Mal, dass diesen Bürgermeister das Gefühl für "seine" Wiener verlassen hätte. Denn da passt er schon auf, sehr sogar, "der Michael Häupl", wie er sich selbst zu nennen pflegt, in der dritten Person - er, der sich überhaupt gerne stilisiert und dabei nach Auffassung aller Beobachter das Kunststück fertig bringt, "echt" zu bleiben.

Sie nennen ihn den Fiaker - wegen seines wienerischen "Schmähs" und seiner derben Sprüche, mit denen er seine politischen Gegner erregt und seine Anhänger begeistert, aber auch des holzschnittartigen Weltbilds wegen, das da bei so mancher Wahlveranstaltung anklingt. Aber welcher Wiener Fiaker würde schon Urlaub in der Toskana machen, Brunello trinken und seine Freunde mit Geschick mediterran bekochen? So hat Häupl neulich zugegeben, der Fiaker sei ein Teil von ihm, aber eben nur ein Teil: "Wer den Intellektuellen heraushängen lässt, wird vom Wähler bestraft."

Der Intellektuelle Häupl hat über den Schädelbau von Gekkos promoviert, als Wissenschaftler am Naturhistorischen Museum gearbeitet, zahlreiche Artikel publiziert und wird heute noch als fachlich sattelfester Gesprächspartner in einer Menge wissenschaftlicher Fragen geschätzt. Der praktisch agierende Michael Häupl vermittelt den Wienern das Gefühl, sie lebten ohnehin in der besten aller möglichen Welten. Klar neigt der Wiener zum "Raunzen"; und Meckerei, Krittelei dieser Art kann Häupl überhaupt nicht leiden. Aber ansonsten sind die Wiener zufrieden, und es ist ihnen nur Recht, wenn sich nichts verändert. Am meisten Popularität erzielt man, wenn man gegen Ruhestörer von außen mobilisieren kann, gleich ob sie nun Ausländer sind oder Haider heißen - und auf dieser Schiene, mit dem Programm "Keine Experimente!", ist Häupl sehr gut gefahren. Noch vor drei Jahren hat er wie selbstverständlich die rigide Ausländerpolitik der damals SPÖ-geführten Bundesregierung mitgetragen und den Ausländern in Wien den Einzug in den begehrten "Gemeindebau" verweigert: "Die Wiener wollen das nicht!" Dann, im Lauf der Zeit und mit dem Regierungseintritt der FPÖ, hat sich die Truppe um Jörg Haider als potenziell größerer Unruhestifter herausgestellt - prompt stilisiert Häupl sein Wien zum "Gegenmodell" und appelliert an das berühmte "goldene Wienerherz" für die in ach so schlechten Verhältnissen lebenden Migranten. Und als sich der Wahlkampf infolge Haiders Strategie zu einer direkten Konfrontation zwischen ihm und Häupl auswuchs, da flüchteten die Wiener zurück unter den Mantel des Bewährten.

Wien ist reich, sauber, friedlich, bestens verwaltet, und wie ein Amts-Motto zitiert Häupl den Schriftsteller Karl Kraus: "Eine Stadt muss funktionieren, gemütlich bin ich selber." In der Stadtzeitung "Falter" hat sich der 51-jährige Häupl als "Pragmatiker der Macht" bezeichnet: "Die Alternative, das sind die Beseelten mit den leuchtenden Augen. Von denen haben wir in der Geschichte viel zu viele gehabt."

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