Politik : Özdemir fragt Radio Eriwan

Der Grünen-Vorsitzende trifft den Zentralrat der Armenier – anschließend gibt es Missverständnisse

von
Foto: Thilo Rückeis
Foto: Thilo Rückeis

Berlin - Das Foto war gestellt, die Akteure wirken ein wenig steif: Vor grüner Stellwand posiert der Zentralrat der Armenier in Deutschland, angeführt vom Vorsitzenden Azat Ordukhanyan, mit Grünen-Chef Cem Özdemir. Zu dem Ende Juli entstandenen Bild verbreitet der Zentralrat auf seiner Homepage ein Kommuniqué „Anerkennung des Völkermords im türkischen Interesse“. Özdemir, so die Botschaft, stehe nicht nur fest hinter der Bundestagsresolution von 2005, in der die Massaker an den Armeniern 1915/16 verurteilt worden waren, er bedauere sogar mit den Armeniern, dass das deutsche Parlament „den rechtlich verbindlichen Begriff des Genozids umschifft“ habe.

Der Grünen-Politiker, der sich seit Jahren für eine Entspannung des Verhältnisses zwischen Ankara und Eriwan einsetzt, ist verärgert. Der Zentralrat habe das Gespräch „nicht hinreichend zusammengefasst“, sagt Özdemir dem Tagesspiegel. „Dass man in der Türkei sagen kann, dass es ein Völkermord war, wird nicht dadurch erleichtert, dass man in anderen Ländern nicht sagen darf, dass es keiner war.“ Und: „Ich habe außerdem deutlich gemacht, dass eine Entfremdung der Türkei von Europa überhaupt nicht im Interesse Armeniens liegt und bedauert, dass bei den Stellungnahmen des Zentralrats mitunter eine diametral entgegengesetzte Haltung zum Ausdruck kommt.“

Anders und gut hat dies, findet Özdemir, der türkisch-armenische Journalist Hrant Dink gemacht, der 2007 von türkischen Nationalisten in Istanbul ermordet wurde. „Ich will das Erbe meines Freundes pflegen“, sagt Özdemir. „Er wusste, wie man bei diesem schwierigen Thema zu den Leuten so spricht, dass sie einem zuhören. Und ist eben nicht so aufgetreten, dass die Zahl seiner Feinde immer weiter wuchs. Das hat er sehr klug gemacht, doch leider hat er genau dafür mit seinem Leben bezahlt.“ In diesem Sinne wirbt Özdemir auch für eine baldige Öffnung der Grenze zwischen der Türkei und Armenien. Obwohl Aserbaidschan wegen des Konflikts um Bergkarabach Druck auf Ankara ausübe, um eine Entspannung zu verhindern, sei es wichtig, das Vorhaben nicht aufzugeben. „Die Leute sollen sich kennenlernen, der Handel sollte intensiviert werden.“ Aus der Grenze zu einem Feind soll also die zu einem Partner werden. Auch in dieser Frage ist der Zentralrat der Armenier deutlich skeptischer.

Özdemirs Ansatz ist, immer auch mitzubedenken, welchen Zwängen die „real existierenden Akteure“ ausgesetzt sind. „Dann muss man sich überlegen, was die richtigen Knöpfe sind, auf die man drücken muss, damit es Bewegung in die richtige Richtung gibt. Mein Ausgangspunkt ist der eines deutschen Parteivorsitzenden. Ich bin da nicht der Repräsentant des Landes meiner Vorfahren.“

Autor

3 Kommentare

Neuester Kommentar