Özdemir im Interview : „Manche Selbstkritik hätte ein bisschen eher kommen können“

06.11.2011 14:51 UhrVon Hans Monath.
Grünen-Chef Cem Özdemir. Foto: Mike Wolff
Grünen-Chef Cem Özdemir. - Foto: Mike Wolff

Der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir über das Ende des grünen Höhenflugs, den erbitterten Streit in der Berliner Fraktion - und darüber, was Renate Künast falsch gemacht hat.

Herr Özdemir, wie fühlt es sich an auf der Treppe nach unten?

Sie irren: Wir sind nicht auf dem Weg nach unten.

Im vergangenen Herbst erreichte Ihre Partei in bundesweiten Umfragen um die 25 Prozent und überholte zuweilen die SPD. Heute sieht es doch etwas anders aus …

Es ist doch abwegig, uns einen Abwärtstrend anzudichten. Wir haben das erfolgreichste Jahr unserer Parteigeschichte hinter uns. Wir sind in allen 16 Landtagen vertreten, stellen mit Winfried Kretschmann einen Ministerpräsidenten und regieren in vier weiteren Ländern mit.

In Baden-Württemberg und in Bremen sind wir zweitstärkste Partei.

Vor einem Jahr galt Jürgen Trittin schon als Kanzlerkandidat der Grünen. Davon redet keiner mehr.

Wir haben nie eine Debatte um eine Kanzlerkandidatur von Jürgen Trittin geführt, das haben die Medien getan.

Tatsache ist aber, dass die Grünen in Umfragen schon seit Monaten nachgeben und in jüngster Zeit noch einmal um zwei bis drei Prozent sackten.

Wir haben immer gesagt: Für uns zählen nicht Umfragen sondern Wahlergebnisse. Und die waren großartig in diesem Jahr. Wir haben bei allen Wahlen zugelegt, auch in Berlin. Wir sind die einzige Partei im Bundestag, die kontinuierlich neue Mitglieder gewinnt. Jetzt müssen wir vor allem zeigen, dass wir gut regieren können.

In Berlin war die Enttäuschung groß: Renate Künast wollte Regierungschefin werden, nun müssen die Grünen in die Opposition. Woran lag’s?

Manche hatten gedacht, Rot-Grün in Berlin sei ein Selbstläufer und überlegten schon, wer welchen Senatsposten bekommt. Wir brauchen eine ehrliche Wahlanalyse. Manche selbstkritische Äußerung hätte auch schon ein bisschen eher kommen können …

Sie meinen das Eingeständnis von Renate Künast, dass sie Fehler gemacht hat?

Ich meine alle, es waren ja viele für den Wahlkampf verantwortlich. Wir haben es Klaus Wowereit zu einfach gemacht, sich Rot-Grün zu entziehen. Jetzt müssen wir die Rolle als Oppositionsführer annehmen.

Ihr Vorgänger Reinhard Bütikofer kritisiert, Renate Künast habe den Wahlkampf mit einer „Mischung aus Selbstüberschätzung und Fahrlässigkeit“ geführt. Gut beobachtet?

Meine Worte wären das nicht. Renate Künast hat sich ja auch selbst kritisch zum Wahlkampf in Berlin geäußert. Eine wichtige Lehre aus Berlin lautet: Wir müssen ernsthaft sein, aber wir dürfen auch nicht langweilig rüberkommen. Unser Wahlkampf war zu bieder.

Lesen Sie auf Seite 2, welche Lehren Özdemir aus dem Berliner Fiasko zieht.

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