Politik : Offene Rechnungen

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Von Barbara Junge

und Daniel Rhee-Piening

Der 86-Jährige winkt ab. Nein, mitdemonstrieren will er nicht, dazu fühlt er sich zu alt. Ob er nicht stattdessen etwas für die Aktionen spenden dürfe, fragte der rüstige Bankenkritiker, der sich am Donnerstag bei der „Initiative Berliner Bankenskandal“ meldete. Er darf. Und auch ohne diesen kampfeslustigen alten Herrn kann es für den Vorstand der Berliner Bankgesellschaft auf ihrer Hauptversammlung am Freitag im Berliner ICC sehr ungemütlich werden. Vor der Messehalle wollen mehrere Hundert Teilnehmer gegen die Geschäftspolitik des Unternehmens, dessen Insolvenz nur mit einer milliardenschweren Landesbürgschaft abgewehrt werden konnte, protestieren. Und im ICC erwarten den Vorstand zahlreiche Stellungnahmen und Gegenanträge.

Einlasskontrolle? Kein Problem. Stimmrecht? Keine Frage. Die schärfsten Kritiker der Bankgesellschaft Berlin finden sich in den Reihen der eigenen Aktionäre. Und auch so mancher, der bisher noch kein Aktionär war, wird die Einlasskontrollen überwinden. Mitgliedern der Bank-kritischen Initiative wurde von einzelnen Aktionären das Stimmrecht übertragen. Man muss sich deshalb auf Aktionen nicht nur vor, sondern auch im Gebäude gefasst machen. Der Vorstand der Bankgesellschaft hat sich auf Turbulenzen eingestellt. Reicht die Zeit am Freitag nicht aus, müssen die Aktionäre am Sonnabend erneut zusammenkommen. Zwar sind die Abstimmungsergebnisse klar – das Land Berlin hält 81 Prozent an dem Konzern – aber bis es soweit ist, wird Bankchef Hans-Jörg Vetter starke Nerven und ein breites Kreuz brauchen.

Angesichts der Lage des Konzerns, der auch in diesem Jahr Verluste machen wird, haben die Anteilseigner allen Grund zum Ärger. Es wird dem Vorstandsvorsitzenden, der seit Ende des vergangenen Jahres im Amt ist, wenig nützen, auf seinen Vorgänger Wolfgang Rupf zu verweisen. Und es wird die Aktionäre sicherlich auch nicht beruhigen, dass die Bank vorschlägt, die Entlastung von Rupf ebenso wie die der früheren Vorstände Thomas Kunze, Hans Lenkers und Lothar Wackerbeck wegen laufender Untersuchungen zurückzustellen. Die Anleger wollen Schadenersatz von den ehemaligen Vorständen.

Doch Vetter muss den Aktionären auch erklären, wie es weitergehen soll. Einen Plan hat man bei der Bank gemacht, doch ob er aufgeht, wird von vielen Anteilseignern bezweifelt. Viel Konfliktstoff also vor der Tür und im Saal. Aber am Sonnabend nachsitzen, das will keiner.

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