• Offener Brief zu #ausnahmslos und Köln: "Natürlich müssen wir uns mit patriarchalen Strukturen auseinandersetzen"

Offener Brief zu #ausnahmslos und Köln : "Natürlich müssen wir uns mit patriarchalen Strukturen auseinandersetzen"

Verniedlichen die Feministinnen von #ausnahmslos die sexuellen Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht in Köln und anderswo? Eine der Verfasserinnen des Aufrufs setzt sich gegen diesen Vorwurf zur Wehr.

Gesine Agena
Demonstranten verschiedener linker Gruppen demonstrieren am 6. Januar in Köln vor dem Hauptbahnhof gegen Rassismus und Sexismus.
Demonstranten verschiedener linker Gruppen demonstrieren am 6. Januar in Köln vor dem Hauptbahnhof gegen Rassismus und Sexismus.Foto: Oliver Berg/dpa

Mit #ausnahmslos setzten mehrere Feministinnen nach den Übergiffen von Köln ein deutliches Signal: "Gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus. Immer. Überall", ist der Aufruf überschrieben. Die Verfasserinnen wehren sich darin gegen die Vereinnahmung durch Populisten: "Es ist für alle schädlich, wenn feministische Anliegen von Populist_innen instrumentalisiert werden, um gegen einzelne Bevölkerungsgruppen zu hetzen, wie das aktuell in der Debatte um die Silvesternacht getan wird", heißt es auf der Webseite.

In einem offenen Brief übte die stellvertretende FDP-Chefin und Hamburger Landesvorsitzende Katja Suding vor wenigen Tagen heftige Kritik an der Initiative. Sie wirft den Initiatorinnen darin vor, die Übergriffe zu verniedlichen und Probleme kleinzureden. Gesine Agena, Mitglied des Bundesvorstands der Grünen und frauenpolitische Sprecherin der Partei, ist eine der Verfasserinnen des Aufrufs und antwortet auf die Vorwürfe.

"Liebe Katja Suding,

bevor ich ihnen mal erkläre, was bei uns Feministinnen so los ist, möchte ich zuerst einmal einer Ihrer ersten Behauptungen widersprechen: In Köln, in Hamburg wurde keine Frau „geschändet“. Frauen wurden dort vergewaltigt, ihnen ist sexualisierte Gewalt angetan worden, sie wurden bedroht, beraubt, beleidigt. Um zu beschreiben, was ihnen geschehen ist, braucht es keine Begriffe, die suggerieren, dass diese Frauen sich geschändet, entehrt oder beschmutzt fühlen sollten. Im Gegenteil. Schande passt als Begriff auf die Täter, nicht auf die Opfer.

Aber nun zu ihrem eigentlichen Punkt: Glauben Sie uns, als Feministinnen beschäftigen wir uns sehr intensiv mit dem Thema sexualisierte Gewalt. Und ja, im Vergleich zu den vielen, die das Phänomen gerade erst zu entdecken scheinen, nicht erst seit Silvester.

Wir sind die, die seit Jahren darum kämpfen, dass die Vergewaltigungsgesetze endlich so verschärft werden, dass das Nein einer Frau auch Nein heißt. Seit Jahren. Und ehrlich gesagt, haben wir die FDP dabei an unsere Seite vermisst.

Wir sind die, die immer gesagt haben: Hört auf damit, diese Gewalt zu bagatellisieren. Hört auf, so zu tun, als sei ein Griff an den Busen oder zwischen die Beine ein harmloser Jungenscherz.

Wir sind die, die sagen: Lasst uns darüber reden, warum Männer sich bei solchen Taten sicher fühlen und warum Frauen Angst haben, zur Polizei zu gehen. Was Männer dazu bringt, zu glauben, das sei okay.

Wir sind die, die für mehr Beratungsstellen kämpfen, für mehr Schutz, besser sensibilisierte Beamte und für gut finanzierte Frauenhäuser.

Wir sind die, die uns dafür beschimpfen und bedrohen lassen müssen.

Die Grünen-Politikerin Gesine Agena ist eine der Verfasserinnen des #ausnahmslos-Aufrufes.
Die Grünen-Politikerin Gesine Agena ist eine der Verfasserinnen des #ausnahmslos-Aufrufes.Foto: PR

Zum Vorwurf, wir würden unter den Teppich kehren wollen, dass die Täter einen nordafrikanischen Hintergrund hatten: Natürlich müssen wir uns mit patriarchalen Strukturen dieser Gruppen auseinandersetzen. Wir sind die, die sich von Tunis bis Riad immer wieder vor Ort oder hier und überall dazwischen mit Aktivistinnen und NGOs austauschen über die Situation von Frauen in der arabischen Welt und in Nordafrika. Allen voran Claudia Roth.

Wir hätten uns auch gefreut, wenn Sie sich beteiligt hätten an der Diskussion, wie man Frauen und Mädchen in Flüchtlingsheimen besser gegen sexualisierte Gewalt schützen kann. Auch hier blieben wir mit unseren Forderungen oft alleine.

Wir haben keine Angst, die Zusammenhänge von patriarchalen Gesellschaften oder Traditionen und sexualisierter Gewalt zu thematisieren. Hatten wir nie. Werden wir niemals haben.

Aber wir wehren uns dagegen, wenn innerhalb kürzester Zeit nach dem Bekanntwerden der Geschehnisse von Köln, Menschen, die sich bis dahin herzlich wenig für das Thema sexualisierte Gewalt bei anderen Anlässen interessiert haben, sofort alles zu wissen schienen: Nicht nur, was die Täter dazu motiviert hat, Frauen auf diese Art anzugreifen (ihre Herkunft) sondern auch, wer zusätzlich dafür verantwortlich war (die Feministinnen). Wenn kürzester Zeit schon die Frage gestellt wurde: War unsere Flüchtlingspolitik zu naiv? Wenn in kürzester Zeit im Netz ein rechter Mob tobte, der keine Hemmungen zu haben schien. Wenn einige Menschen, die sich so empört zeigten über die Übergriffe, kein Problem sahen, Politikerinnen und Feministinnen mit Vergewaltigung und anderen Grausamkeiten zu drohen oder ihnen eine Vergewaltigung zu wünschen.

Und eben diese Menschen instrumentalisieren das Thema zur Ausgrenzung von Menschen mit Migrationshintergrund. Vielen von ihnen geht es nicht darum, die Opfer zu schützen oder tatsächlich eine Debatte über sexualisierte Gewalt zu führen. Genau das würde ich mir als Feministin aber jetzt wünschen. Wer wirklich für Frauenrechte kämpfen will, der darf nicht nur über die Herkunft von Tätern spekulieren, der muss sich jetzt vor allem auch dafür einsetzen, dass Frauen vor Gewalt geschützt werden und dass die Betroffenen der Übergriffe aus der Silvesternacht unterstützt werden.

Und noch etwas: Nichts an einer Vergewaltigung oder einem Übergriff ist „niedlich“. Nein, auch nicht in München."

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