Politik : Offenes Betriebsgeheimnis

Mit Sicherheitslücken kennt sich Microsoft aus. Nun gelangte der Windows-Quellcode ins Netz

Kurt Sagatz

Einmal im Monat ist bei Microsoft „Patch-Day“. An diesem Tag stopft der in Redmond im US-Bundesstaat Washington ansässige Softwarekonzern all die Löcher und Sicherheitslücken im Windows-Betriebssystem, über die Hacker ihre Attacken vorbereiten oder Viren auf den eigenen PC gelangen. Dieses Mal dürfte es Microsoft schwer fallen, das Loch zu stopfen, über das jetzt der Windows-Quellcode – von der Bedeutung vergleichbar mit der Coca-Cola-Rezeptur – ins Internet gelangte.

Wie groß der Schaden ist, weiß niemand. Zwar bestätigte Microsoft am Freitag, dass es irgendwo ein Leck gegeben hat. Zugleich schloss ein Sprecher aber aus, dass es sich um eine undichte Stelle im eigenen Unternehmen gehandelt hat. Bei dem Quellcode, der jetzt ins World Wide Web gelangte, handelt es sich offenbar um die Versionen Windows NT 4 und Windows 2000. Beide werden vorwiegend in der Geschäftswelt eingesetzt. Das bei der privaten Kundschaft gebräuchliche Windows XP ist allem Anschein nach nicht betroffen. Zum Verständnis: Der Quellcode enthält die genauen Angaben über die Funktionsweise des Betriebssystems, und zwar unverschlüsselt.

Die Aufregung, die nun nicht nur bei Microsoft herrscht, kennt keine Grenzen: Droht nun eine riesige Welle von Angriffen auf Windows-Rechner, weil die weltweite Hackerszene in aller Ruhe nach Schwachstellen in den Millionen Programmzeilen suchen kann? Brechen möglicherweise ganze Volkswirtschaften zusammen, weil man zu großes Vertrauen in die Software von Microsoft hatte? Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik sieht keinen Grund für Panik. Erst müsse bekannt sein, welche Teile des Codes das Leck passierten. Dann lasse sich sagen, ob davon eine Gefahr für die Sicherheit der Computersysteme ausgehe, so Behördensprecher Michael Dickopf. Welche Krisenpläne bei Microsoft Deutschland existieren, war am Freitag nicht zu erfahren.

Es gibt aber auch noch andere Gründe, die gegen den Windows-Untergang sprechen. Der wichtigste ist, dass die Linux- Szene seit jeher nach dem Prinzip möglichst großer Offenheit arbeitet. Je mehr Programmierer den Quellcode analysieren, desto schneller werden Schwachstellen gefunden und behoben, lautet die Maxime. Auch Microsoft hat sich von der absoluten Geheimhaltung längst verabschiedet: Ausgesuchte Regierungen und Universitäten kennen den Quellcode schon lange.

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