Offenes Ohr für Alexis Tsipras : François Hollande will die Initiative übernehmen

Griechenland soll nicht aus dem Euro herausfallen - das ist das Ziel des französischen Präsidenten François Hollande. Er will in der Krise jetzt die Initiative übernehmen und hat deshalb Kanzlerin Angela Merkel für heute Abend nach Paris eingeladen.

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Frankreichs Staatschef François Hollande.
Frankreichs Staatschef François Hollande.Foto: AFP

Während François Hollande am Sonntagabend in seinem Arbeitszimmer im Elysée-Palast die Nachrichten aus Griechenland verfolgte, versammelten sich in der französischen Hauptstadt mehrere hundert Menschen auf der Place de la République. Sie hatten griechische Fahnen mitgebracht, und sie waren gekommen, um das Ergebnis des Referendums zu feiern. Unter ihnen war auch der Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon. In seiner Rede lobte er den "enormen Mut des griechischen Volkes". Die Griechen hätten "trotz eines massiven Einsatzes von Desinformations-Waffen" mit ihrem Votum zu einem Zeitpunkt standgehalten, zu dem "kein Geld mehr im Umlauf ist, keine Waren mehr in den Läden sind", erklärte Mélenchon den Umstehenden.

Auch die Franzosen haben schon einmal "Nein" gesagt - das war 2005

Nun darf zwar bezweifelt werden, dass Frankreichs Staatschef von der Solidaritäts-Adresse des Pariser Linkspolitikers große Notiz genommen hätte. Aber der Sozialist François Hollande kennt sehr wohl die Stimmung im eigenen Lande, die Leute wie Jean-Luc Mélenchon auch irgendwie verkörpern: Anders als in Deutschland wünscht sich eine Mehrheit der Franzosen, dass Griechenland im Euro bleibt. An dieser Haltung hat auch der für viele Außenstehende kaum nachvollziehbare Kurs des griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras nichts geändert. Unmittelbar vor dem Referendum veröffentlichte das Meinungsforschungsinstitut CSA eine Umfrage, der zufolge nur 38 Prozent der Franzosen für den "Grexit" sind. Eine Mehrheit von 54 Prozent wünscht sich hingegen, dass Griechenland nicht zur Drachme zurückkehren muss. Hinzu kommt, dass die Franzosen selber auch ein Volk sind, das gelegentlich schon einmal "Nein" sagt - im Jahr 2005 wurde hier die EU-Verfassung per Referendum abgelehnt.

Aus diesen Gründen findet Tsipras grundsätzlich eher in Paris ein offenes Ohr als in Berlin. Eine Stunde nach Bekanntgabe der ersten Teilergebnisse telefonierte der griechische Regierungschef am Sonntagabend mit Hollande. Bei dem Gespräch ging es nach Angaben des griechischen Staatssender ERT darum, wie die Gespräche zwischen der Regierung in Athen und den Gläubigern wieder neu belebt werden können.

Es sollte noch ein langer Abend für Hollande werden, in dessen Arbeitszimmer auch Premierminister Manuel Valls, Finanzminister Michel Sapin und Europaminister Harlem Désir verfolgten, wie das "Nein" der Griechen immer mehr zur Gewissheit wurde. Nach dem Gespräch mit Tsipras beriet sich Hollande mit den übrigen EU-Partnern.

Hollande sucht die Rolle des Vermittlers zwischen den Euro-Staaten

Als Tsipras im vergangenen Januar Regierungschef in Athen wurde, hat sich Hollande möglicherweise eine Zeitlang darauf eingestellt, die Rolle des Vermittlers zwischen den Griechen und den eher auf Haushaltskonsolidierung bedachten Staaten wie Deutschland spielen zu können. Allerdings zeigte sich schnell, dass das Griechen-freundliche Lager im Süden der Euro-Zone kleiner war als gedacht. In den Regierungszentralen in Spanien und Portugal, wo es in der Zeit unter dem Euro-Rettungsschirm harte Einschnitte gab, dachte man zumindest bis zum Referendum gar nicht daran, Tsipras übermäßig entgegenzukommen. Am Montag sprach sich dann allerdings Spaniens Wirtschaftsminister Luis de Guindos für Verhandlungen über ein drittes Hilfspaket aus.

In dieser unübersichtlichen Ausgangslage hat Hollande nun die Initiative übernommen und Merkel für diesen Montagabend nach Paris eingeladen, um gemeinsam über das weitere Vorgehen im Griechenland-Drama zu sprechen. Nach einer ersten Sitzung sollen die Beratungen dann beim Abendessen fortgesetzt werden. Hollandes Ziel: Griechenland soll in der Euro-Zone gehalten werden - wenn auch nicht um jeden Preis.

Ganz so eng wie Tsipras sich das wünscht, scheint der Telefondraht in den Elysée-Palast übrigens doch nicht zu sein. Am Montagmittag verkündete ein Vertreter des Präsidialamtes in Athen, dass der griechische Staatschef Prokopis Pavlopoulos und der Chef des Linksbündnisses Syriza mit Hollande telefoniert hätten. 20 Minuten später kam ein Dementi aus Paris: Hollande habe an diesem Morgen gar nicht mit Tsipras gesprochen, hieß es aus dem Büro des Staatschefs.

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