• Offensive der Fundamentalisten könnte den Bürgerkrieg in Afghanistan zu ihren Gunsten entscheiden

Politik : Offensive der Fundamentalisten könnte den Bürgerkrieg in Afghanistan zu ihren Gunsten entscheiden

Elke Windisch

Die afghanischen Taliban sind nur noch einen halben Schritt vom engültigen Sieg entfernt. Noch im Laufe dieser Woche werde sich das Schicksal des innerasiatischen Wüstenstaates, der von einem über zwanzigjährigen Bürgerkrieg verheert wird, definitiv entscheiden. So jedenfalls werten Experten die Ergebnisse der jüngsten und größten Offensive der Fundamentalisten, die seit zehn Tagen die letzten Bastionen des legitimen Präsidenten Burhannudin Rabbani im Norden des Landes schleifen.

Die von Ex-Verteidigungsminister Ahmadschah Masud befehligten etwa 2000 Kämpfer der so genannten nördlichen Allianz kontrollierten bis zum Beginn der Offensive noch gut zehn Prozent des Staatsterritoriums im Norden und Nordosten. Sie sind ethnische Tadschiken und Usbeken und erbitterte Gegner der islamisch-fundamentalistischen Sittenlehre, die die paschtunischen Taliban den von ihnen besetzten Landesteilen mit äußerster Brutaliät aufgezwungen haben. Nachdem Masud am Wochenende die Luftwaffenbasis Bagram, 60 Kilometer nördlich von Kabul verlor, über die die nördliche Allianz Unterstützung und Nachschub aus den angrenzenden Ex-Sowjetrepubliken Tadschikistan und Usbekistan bekam, ist deren Ende nur noch eine Frage der Zeit. Dafür spricht auch, dass Kampfflugzeuge der Taliban von Bagram aus den Vormarsch ihrer Landstreitkräfte in die Provinz Ghundus unterstützen, die im Norden an Tadschikistan grenzt und letzter Zufluchtsort für die Kämpfer Masuds ist.

Führende Persönlichkeiten der nördlichen Allianz haben ihre Familien bereits nach Tadschikistan evakuiert, wohin sich auch die Kämpfer zurückziehen dürften. Beobachter schließen nicht aus, dass der innerafghanische Konflikt dann zum regionalen Flächenbrand eskalieren könnte.

Die fundamentalistischen Taliban-Milizen begannen ihre jüngste Offensive unmittelbar nach der "Konferenz der Freunde Afghanistans" in der usbekischen Hauptstadt Taschkent im Format sechs plus zwei. Unter Schirmherschaft der Vereinten Nationen hatten Diplomaten aus den Nachbarstaaten Afghanistans - China, Pakistan, Iran, Tadschikistan und Turkmenien zusammen mit den stellvertretenden Außenministern Russlands und der USA als Garantiemächte einen Friedensplan erarbeitet, dem erstmalig auch beide Bürgerkriegsparteien zustimmten. Er sah eine Waffenstillstandsvereinbarung vor, deren Einhaltung von den UN kontrolliert wird, sowie die gemeinsame Erarbeitung von Prinzipien für den künftigen Staatsaufbau und die Bildung einer Koalitionsregierung bis zu Wahlen vor. Weitere Punkte regeln die Rückkehr der Flüchtlinge und internationale Wirtschaftshilfe.

Das nachfolgende bilaterale Treffen der Afghanen endete jedoch ergebnislos. Usbeken-Präsident Islam Karimow hatte Masud zu Geheimverhandlungen empfangen und umfangreiche Hilfe, darunter auch militärische zugesagt und erklärt, er werde, ungeachtet des realen Kräfteverhältnisses auf strikte Parität in der Übergangsregierung bestehen.

Ahmadschah Masud war als Favorit Russlands und Tadschikistans für Usbekistan, das zu beiden Ländern ein gespanntes Verhältnis hat, bislang eine Unperson. Die Wende ist durchaus berechtigter Furcht vor dem Überschwappen des Fundamentalismus geschuldet: Trotz Repressionen gewinnt in der Republik die islamische Opposition immer mehr Einfluss.

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