Politik : Offiziell noch Volksrepublik, aber tatsächlich ein ideologischer Hohlkörper (Meinung)

Harald Maass

Peking 1949. Der Platz des Himmlischen Friedens ist nur eine staubige Piste. Nach Jahrzehnten des Bürgerkriegs liegt das Land geschunden am Boden, Flüchtlinge irren durch die Provinzen, Millionen Chinesen leiden Hunger. Und doch herrscht an diesem 1. Oktober 1949 eine Freude und Euphorie, wie sie die Menschen in China danach nie wieder spüren sollten. "Das chinesische Volk hat sich erhoben", brüllt Mao Tse-tung in seinem Bauernakzent, als er an diesem kühlen, klaren Tag in Peking die Volksrepublik China ausruft. Es ist der Startschuss für eines der größten Experimente dieses Jahrhunderts, 600 Millionen Menschen nehmen teil: Chinas Traum vom Sozialismus.

Die "Befreiung" nennen Pekings Kommunisten bis heute ihre Machtübernahme. Und tatsächlich sind die ersten Jahre im Sozialismus ein Segen. Die Kommunisten wälzen ein Gesellschaftssystem um, das die Mehrheit der Chinesen über Jahrtausende zu Armut und Knechtschaft verurteilt hatte und auch in der späteren kurzlebigen Republik nie überwunden wurde. Die Großgrundbesitzer, die zu Kaisers Zeiten das Bauernvolk wie Sklaven gehalten hatten, werden von den Kommunisten enteignet, das Land wird aufgeteilt. Jeder hat genug zu essen, ein Dach über dem Kopf. Die allgemeine Schulpflicht wird eingeführt. "Die Hälfte des Himmels", verspricht Mao den Frauen. Sie müssen nicht mehr wie früher für das Schönheitsideal die Füße mit Bandagen verkrüppeln - unter den Kommunisten sind sie den Männern gleichberechtigt.

Doch das Erwachen aus dem Traum ist brutal. Im Februar 1957 ruft Mao die Intellektuellen zur Diskussion über die Politik der KP auf: "Lasst hundert Blumen blühen, lasst hundert Gedankenschulen miteinander wetteifern." Als die Kritik an der Zwangskollektivierung und der ziellosen Planwirtschaft überhand nimmt, macht Mao einen Rückzieher. Hunderttausende Intellektuelle werden in Arbeitslager geworfen oder ermordet. China erlebt seine erste große Kampagne. Noch grausamere sollten folgen.

Der Schritt von der Utopie zum Wahnsinn war für China nur ein kleiner. Um den Anschluss an die westlichen Industrienationen zu schaffen, lässt Mao beim "Großen Sprung" 1958 das Volk in einer Massenkampagne Stahl kochen. Bald steht in jedem Dorf ein Hochofen. Feldhacken, Schaufeln, Nägel - jedes greifbare Stück Eisen wird geschmolzen. In der anschließenden Hungersnot sterben bis zu 30 Millionen Menschen. Als er später seine Macht gefährdet sieht, löst Mao 1966 die Kulturrevolution aus. Auf der Suche nach "rückständigem Denken" zerfleischt sich die Gesellschaft. Im Namen des "Großen Vorsitzenden" Mao terrorisieren jugendliche Rotgardisten das Land. Kinder denunzieren ihre Eltern, Schüler ihre Lehrer. Erst 1976 Aufatmen: Mao stirbt - und mit ihm der Glaube der Chinesen an Utopien.

Seitdem nennt sich China zwar noch Volksrepublik, aber tatsächlich ist es ein ideologischer Hohlkörper. "Reich werden ist ehrenhaft", heißt 1978 Deng Xiaopings neue Devise. Die landwirtschaftlichen Genossenschaften wurden aufgelöst, das Land verpachtet. Fabriken, Hochhäuser und Schnellstraßen entstehen. Heute sind die Ideale von Marx und Engels für Peking nur noch Lippenbekenntnisse. Statt Sozialismus herrscht Ellbogenkapitalismus. Die Staatsbetriebe werden ausgeschlachtet und verkauft. Hundert Millionen Bauern müssen sich als Wanderarbeiter verdingen. Ohne Krankenversicherung, ohne ausreichende Bezahlung, ohne Rechte. Wer aufbegehrt, wandert ins Gefängnis. Statt der Diktatur des Volkes herrscht eine Clique korrupter Erbkommunisten.

Also alles wie gehabt: Chinas Sozialismus funktioniert nicht, wie er auch schon in der DDR und in der Sowjetunion nicht funktionierte? Vielleicht war Chinas Versuch, eine bessere und sozialere Gesellschaft aufzubauen, nicht völlig umsonst. Natürlich war Maos spätere Politik grausam und oft menschenverachtend. Doch zumindest am Anfang war seine Revolution wichtig für China. Noch in den vierziger Jahren war es für Bauern üblich, ihre Kinder an den Lehnsherren zu verkaufen, wenn sie den Wucherzins für die Pacht nicht mehr aufbringen könnten. Mädchen mussten sich prostituieren, weil sie sonst verhungert wären. Nach 4000 Jahren Feudalherrschaft war das Ständedenken so fest in der chinesischen Gesellschaft verwurzelt wie nirgends auf der Welt. Erst durch den radikalen Einschnitt 1949 schaffte China den Sprung in die Neuzeit: Von da an waren alle Chinesen gleich.

Die Bilanz 50 Jahre später: Der Mehrheit der Chinesen geht es heute so gut wie nie zuvor in diesem Jahrhundert. Aber reicht das, um den Machtanspruch der KP zu rechtfertigen? Nein. Die Befreier von einst sind heute die Unterdrücker. Tausende Dissidenten und Oppositionelle sitzen in Gefängnissen, weil sie das gleiche fordern, wie die Kommunisten 1949: Soziale Gerechtigkeit, Geistesfreiheit, Schutz der Arbeiter vor Ausbeutung. Die KP-Führung versteckt sich hinter dem Polizeistaat. Wie lange noch? "Das Volk, und nur das Volk allein", hatte Mao richtig erkannt, "ist die treibende Kraft, um Geschichte zu schreiben."

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