Offiziers-Ausbilder Peter Irminger : "Die Gewalt hat zugenommen"

Die Seeräuber vor Somalia werden immer aggressiver, so viele Entführungen gab es noch nie. Kapitän Peter Irminger lehrt Nautik und verrät, wie Schiffe den Piraten entkommen können

ZEIT ONLINE:

Das belgische Schiff Pompeji wurde nach wochenlanger Gefangenschaft kürzlich von einer somalischen Piratenbande freigelassen. Kann man eine Besatzung auf die Extremsituation Geiselhaft vorbereiten?

Peter Irminger: Bei der Ausbildung der Seeoffiziere sprechen wir über solche Momente. Wichtig ist, dass die Piraten immer denken, Herr der Lage zu sein. Da gehört schon eine Menge Psychologie dazu, dass der Kapitän ihnen dieses Gefühl gibt und dennoch immer noch mit seiner Reederei spricht. Ausbilden kann man für eine solche Situation aber nur bedingt.

ZEIT ONLINE: Die Geiselnahmen dauern in der Regel Wochen, manchmal Monate. Warum verlaufen die Verhandlungen so schwierig?

Irminger: Die Reedereien versuchen, die Forderungen der Piraten herunterzuhandeln. Wenn dann ein Preis ausgemacht wurde, muss das Lösegeld übergeben werden – das ist ein schwieriges Unterfangen. Die Reeder kriegen nicht einfach solch riesige Mengen an gebrauchten Dollar-Scheinen nach Somalia. Sie müssen in einem Koffer über die halbe Welt transportiert und dann auf See übergeben werden.

ZEIT ONLINE: Experten sprechen von einer neuen Form der Piraterie, weil die Seeräuber nicht mehr an der Ladung, sondern nur noch an Geiseln interessiert sind. Was denken Sie darüber?

Irminger: Der erste Fall von Lösegelderpressung durch Piraten mit dem ich zu tun hatte war im Jahr 2001. So ganz neu ist das somalische Phänomen also nicht. Die Dimension hat allerdings deutlich zugenommen – vor allem regional am Horn von Afrika. So viele Entführungen hatten wir noch nie.

ZEIT ONLINE: Die Seeräuber entführen selbst riesige Pötte. Wieso kommen die Piraten so leicht an Bord?

Irminger: Das sind kräftige, junge Männer, die sehr fit sind. Mit Stangen und Seilen, an denen Haken befestigt sind, klettern die Piraten an Bord. Allerdings gelingt längst nicht jeder Angriff: Von 13 Attacken ist nur eine erfolgreich. Aber mit dieser Quote können die Seeräuber gut leben. Piraten sind nicht lebensmüde. Wenn die merken, dass das Entern eines Schiffes zu schwierig wird, dann brechen sie ab.

ZEIT ONLINE: Was können die Kapitäne von Handelsschiffen tun, um den Piraten das Entern möglichst schwer zu machen?

Irminger: Ich lese als Empfehlung für die Offiziere der Handelsschiffe immer wieder, dass sie bei einem Angriff einen Zick-Zack-Kurs einschlagen sollen. Ich halte von dieser Methode nichts. Die beste Taktik ist, mit maximaler Geschwindigkeit gegen die See zu fahren, damit an der Bordwand möglichst steile Wellen entstehen. So können die Piraten nicht mit ihren Schnellbooten an die Bordwand heranfahren. Ausweichmanöver machen das Schiff nur langsam und erleichtern den Seeräubern so die Verfolgung.

ZEIT ONLINE: Die Schnellboote der Piraten machen ihrem Namen in der Regel alle Ehre und erreichen hohe Geschwindigkeiten. Wie können die Handelsschiffe denn entkommen?

Irminger: Die bisherigen Überfälle fanden bei Geschwindigkeiten von unter 15 Knoten statt. Moderne Containerschiffe fahren in der Regel schneller als 20 Knoten – sie haben also gute Chancen, nicht überfallen zu werden. Wenn sie denn so schnell fahren.

ZEIT ONLINE: Warum lassen die Reeder die Schiffe dann nicht einfach mit maximaler Geschwindigkeit durch das Risikogebiet fahren?

Irminger: Die schnelle Fahrt verbraucht mehr Treibstoff, und die Reeder versuchen zu sparen – vor allem im Moment, wo die Frachtraten so niedrig sind.

ZEIT ONLINE: Die Piraten überfallen jedoch auch moderne Schiffe, vor allem Tanker wie die Sirius Star

Irminger: …Das stimmt. Die Sirius Star war voll beladen, sie lag tief im Wasser. Da ist es einfach für die Piraten an Bord zu kommen. So große Schiffe sind einfach auch sehr behäbig.

ZEIT ONLINE: Was können die Reeder von Tankern und anderen tief liegenden Schiffen machen, damit ihre Schiffe nicht zur Beute der Seeräuber werden?

Irminger: Die Reeder können ihre Schiffe im Konvoi fahren lassen oder die Marine um einen militärischen Begleitschutz bitten. Die Handelsschiffe selber zu bewaffnen, davon rate ich den Reedern ab - ebenso von der Mitnahme von Söldnern.

ZEIT ONLINE: Mancher Reeder will sein Schiff mit Schallkanonen oder anderen High-Tech-Waffen ausstatten. Was halten Sie denn davon?

Irminger: Davor warne ich ebenfalls. Gegen Schallkanonen kann man sich mit Ohrenschützern wappnen und deren Reichweite ist gering. Vermutlich führen solche Maßnahmen nur zu einem noch stringenteren Vorgehen der Angreifer. Die somalischen Piraten kommen bislang ohne Tötungsabsicht an Bord, sie wollen die Besatzung entführen und Lösegeld erpressen. Mit einer Bewaffnung der Handelsschiffe provozieren die Reeder vermutlich eine Eskalation. Die Gewalt hat bereits zugenommen, kürzlich haben Piraten ein entführtes Schiff verbrannt.

ZEIT ONLINE: Was kann die Besatzung eines Handelsschiffes noch machen, wenn die Piraten an Bord geklettert sind?

Irminger: Dann wird es für die Mannschaft sehr schwierig. Momentan empfehlen die Experten die sogenannte Zitadellen-Taktik: Die Besatzung zieht sich an einen sichern Ort zurück, am besten in den Maschinenkontrollraum, und verbarrikadiert sich dort. In diesem Schutzraum müssen gute Kommunikationsmittel und Vorräte vorhanden sein. Die Mannschaft ruft dann um Hilfe, stoppt die Schiffsmaschine und wartet darauf, dass ein Kriegsschiff den Überfallenen zur Hilfe kommt.

ZEIT ONLINE: Die Piraterie ist eine sehr alte Verbrechensart, die es seit mindestens 3000 Jahren gibt. Hat denn niemand in dieser langen Zeit eine Methode entwickelt, wie die Seeräuber effektiv abgewehrt werden können?

Irminger: Eine Anti-Piraten-Methode, die sich langfristig bewährt hat, gibt es eigentlich nicht. Reeder können das Gebiet umfahren oder schnelle Schiffe einsetzen. Die beste Strategie ist jedoch, die Länder, aus denen die Piraten stammen, so zu stabilisieren, dass die Regierung selber die Seeräuber an Land bekämpfen kann. In Somalia ist das nicht der Fall. Piraten haben schon immer rechtsfreie Räume gesucht.

Die Fragen stellte Hauke Friederichs

Professor Peter Irminger lehrt "Nautik" und "Shipping and Chartering"  an der Hochschule Bremen. Dort bildet er Offiziere für die zivile Seefahrt aus. Der Kapitän fuhr früher selber zur See.

 

ZEIT ONLINE, 4.7.2009 - 14:18 Uhr

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