Politik : Ohne Bedingungen

Susanne Güsten

Alvaro de Soto faltet die Hände. "Beten Sie", ruft der Zypern-Vermittler von UN-Generalsekretär Kofi Annan am Dienstagmorgen den wartenden Journalisten in der geteilten Hauptstadt Nikosia zu. Dann schließt sich hinter de Soto die Tür einer UN-Residenz im zyprischen Niemandsland - zum ersten Direktgespräch zwischen den Spitzenvertretern von Türken und Griechen auf der Mittelmeerinsel seit vier Jahren. Als sich die Tür nach rund anderthalb Stunden wieder öffnet, kann de Soto ein Ergebnis verkünden, das angesichts der bescheidenen Erwartungen im frustrierenden Geschäft der Zypern-Verhandlungen schon ein Erfolg ist: Der griechisch-zyprische Präsident Glafkos Klerides und der türkische Volksgruppenführer Rauf Denktasch wollen sich im Januar erneut an einen Tisch setzen und mit substanziellen Verhandlungen beginnen.

Damit geht die lange und schwierige Suche nach einer Friedenslösung für Zypern in eine neue Phase. Im strömenden Regen verlas de Soto im Namen der beiden Verhandlungspartner und Streithähne eine kurze Erklärung, die leise Hoffnungen weckt: Verhandelt wird ohne Vorbedingungen und so lange, bis es eine Lösung gibt.

De Soto hatte sich lange vergeblich darum bemüht, den Verhandlungsprozess wieder in Gang zu bringen, doch die Chefs von Türken und Griechen auf Zypern, die sich seit ihrer Schulzeit kennen und Duz-Freunde sind, waren nicht zu Fortschritten zu bewegen. Denktasch machte lange die Anerkennung des türkischen Inselteils als eigenständige staatliche Einheit zur Vorbedingung für weitere Gespräche. Inzwischen hat er jedoch angedeutet, dass er von seinem Ziel eines losen Staatenbundes abrücken könnte. Türkischen Presseberichten zufolge ist der 77 Jahre alte Volksgruppenführer bereit, sich auf das Modell eines Bundesstaates mit zwei Bundesländern zuzubewegen, das Klerides vorschwebt.

Dass Denktasch die Initiative zur Wiederaufnahme der Direktgespräche mit Klerides ergriff, lag aber wohl weniger an seinem brennenden Wunsch nach einer Verständigung mit den Griechen als vielmehr an einer veränderten politischen Umgebung. Im türkischen Sektor der Insel wächst die Unzufriedenheit über die Präsenz von 40 000 türkischen Soldaten, die Fernsteuerung aus Ankara und die chronische Wirtschaftskrise; auch in der Türkei werden Ankaras Nibelungen-Treue zu Denktasch und die immer neuen Finanzspritzen für Nordzypern offen in Frage gestellt.

Am schwersten wog jedoch die Ankündigung der EU, die griechische Inselrepublik auch ohne Einigung mit den Türken als neues Mitglied aufzunehmen. Das bedeutet, dass sich Denktasch bewegen muss, wenn er "seinem" Inselteil nicht auf mittlere Sicht jede europäische Perspektive nehmen und die Bevölkerung gegen sich aufbringen will.

Dass der gerissene Gesprächsfaden jetzt wieder aufgenommen wurde, heißt aber noch nicht, dass eine Lösung des Zypern-Problems unmittelbar bevorsteht. Selbst nach einer Einigung auf ein gemeinsames Staatsmodell stünden Türken und Griechen vor schweren Entscheidungen, etwa in der Frage der Rückgabe von griechischem Eigentum im Nordteil der Insel oder bei der Rückkehr Vertriebener in ihre Dörfer. Angesichts dieser Probleme hat UN-Unterhändler de Soto wahrscheinlich recht: Beten ist keine schlechte Idee.

Geteilt

Schon kurz nach der Unabhängigkeit der ehemaligen britischen Kolonie Zypern 1960 brachen auf der Insel im östlichen Mittelmeer Unruhen zwischen der griechischen Mehrheit und der türkischen Minderheit aus. Seit 1964 sind UN-Soldaten auf Zypern stationiert. Als 1974 griechische Nationalisten in Nikosia putschten, um den Anschluss Zyperns an das damals von den Obristen regierte Griechenland durchzusetzen, besetzten türkische Truppen das nördliche Drittel der Mittelmeerinsel. Während die griechische Seite dies als Invasion sieht, sprechen die Türken von einer "Friedensoperation", mit der die türkische Minderheit vor Massakern gerettet worden sei. Der türkische Volksgruppenführer Denktasch rief 1983 die "Türkische Republik Nordzypern" aus, die aber nur von der Türkei anerkannt wird.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben