Politik : Ohne böse Überraschungen

Franzosen entscheiden sich für eine klassische Rechts-Links-Konfrontation / Hohe Wahlbeteiligung

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Paris - Die Spannung dauerte bis 20 Uhr. Für viele war sie dank des Internet aber schon vorher vorbei. Bereits um 18 Uhr 30 kündigten französischsprachige Medien in der Schweiz und in Belgien auf ihren Web-Seiten Nicolas Sarkozy und Ségolène Royal als die Sieger der ersten Runde der Präsidentenwahl an. Sie stützten sich auf die Auswertung der Abstimmung in ausgesuchten Wahlbezirken, die aber vor 20 Uhr, der Stunde der Schließung der letzten Wahllokale in den großen Städten, in Frankreich nicht veröffentlicht werden durfte. Nur die Prozentzahlen differierten zum Teil noch erheblich.

Erst um 20 Uhr verbreiteten dann die französischen Rundfunk- und Fernsehsender offiziell, was die Spatzen schon längst von den Dächern pfiffen: Mit 30 Prozent erreichte der Kandidat der konservativen Regierungspartei UMP den höchsten Stimmenanteil, während auf die Sozialistin Royal 25,2 Prozent der Stimmen entfielen. Beide werden sich damit in der entscheidenden zweiten Runde am 6. Mai gegenüberstehen. Der Zentrumspolitiker Francois Bayrou, dem bis zuletzt zugetraut worden war, statt Royal in die Stichwahl zu gelangen, schied mit 18,8 Prozent aus. Jean-Marie Le Pen, der Chef der rechtsextremen Nationalen Front, der 2002 mit dem Einzug ins Finale für eine böse Überraschung gesorgt hatte, kam nur auf 11,5 Prozent.

Die Überraschung diesmal war die von Sprechern von Sarkozy wie von Royal als „Sieg der Demokratie“ gefeierte stärkste Wahlbeteiligung seit über 25 Jahren. Bei schönstem Sonnenwetter hatten sich schon am Vormittag vor zahlreichen Wahllokalen lange Warteschlangen gebildet. Sie wurden in einigen Fällen durch Probleme mit elektronischen Wahlmaschinen verursacht, die erstmals in 82 Städten für 1,5 Millionen Wähler installiert worden waren. Mit ihrer komplizierten Handhabung hatten vor allem ältere oder sehbehinderte Menschen Schwierigkeiten. Doch die Franzosen waren vor allem bemüht, die Erinnerung an 2002 auszulöschen. Damals hatte die hohe Stimmenthaltung Le Pens Triumph begünstigt.

Diesmal hatten sich 44,5 Millionen Franzosen in die Wählerlisten eingetragen. Das sind drei Millionen mehr als 2002, unter ihnen 1,8 Millionen Erstwähler. Überdurchschnittlich hoch war die Wahlbeteiligung in Clichy-sous-Bois und anderen durch die Unruhen vom Herbst 2005 bekannt gewordenen Vororten.

Sarkozy ging im Pariser Vorort Neuilly zu Wahl vor, wo er früher Bürgermeister war. Royal wählte in Melle, dem Hauptort ihres Wahlkreises im westfranzösischen Departement Deux-Sèvres. Ein Mann mit Baskenmütze überreichte ihr einen Strauß Maiglöckchen. Bayrou stand in seiner Heimatstadt Pau in den Pyrenäen eine Stunde lang in der vor dem Wahllokal wartenden Schlange, bis er seine Stimme abgeben konnte. Le Pen fuhr in einer Limousine mit abgedunkelten Scheiben in seinem Wohnort Saint-Cloud bei Paris zur Wahl vor..

Als es am Abend verkündet wurde, sah man ihn mit versteinerter Miene vor einem Fernsehschirm stehen, die Lippen zusammengekniffen. Ob er die Wähler, die ihm ihre Stimme gaben, dazu aufrufen würde, in der zweiten Runde für Sarkozy zu stimmen - keine Antwort. Auch Bayrou hielt sich bedeckt. Als er vor die Fernsehkameras trat, sagte er nur, es gebe wieder eine politische Mitte in Frankreich. Wohin sich diese neigt, bleibt abzuwarten. „Ségolène Présidente“ skandierten Royals Anhänger immer wieder bei ihrem aus Melle übertragenen Fernsehauftritt. Wenn in zwei Wochen die Entscheidung falle über das „Schicksal und das Gesicht Frankreichs“, wolle sie, dass dies ein „Triumph der Republik der Toleranz“ werde. Sarkozy gab sich, mit der aufs Herz gelegten rechten Hand, schon ganz wie ein künftiger Präsident. Er werde seine Überzeugungen wahren, seine Gegnerin respektieren und am „französischen Traum einer brüderlichen Republik“ festhalten.

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