Politik : "Ohne gegenseitige Verständigung läuft nichts"

THOMAS KRÖTER

BONN .Die Hilfebereitschaft ist enorm: Binnen weniger Tage sind 29 Millionen Mark allein auf dem Kosovo-Konto des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) eingegangen.25 Millionen sammelte das Notärztekomitee Cap Anamur seit Ende März."Eine solch umfangreiche und engagierte Resonanz" habe er im 20jährigen Bestehen seiner Organisation noch nicht erlebt, sagte Komitee-Gründer Rupert Neudeck am Montag bei einem Zwischenstopp zwischen zwei Aufenthalten in der Krisenregion.Eine besonders notleidende Gruppe von Kriegsopfern hat aktuell jedoch kaum eine Chance, Hilfe zu bekommen: Die Vertriebenen und Flüchtlinge, die irgendwo im Kosovo umherirren oder bei Freunden und Verwandten Unterschlupf gefunden haben.Vor dem Beginn der NATO-Luftangriffe wurde ihre Zahl auf auf 260 000 geschätzt.Heute können es nach Angaben von Verteidigungsminister Rudolf Scharping bis zu 400 000 sein.Er berichtete auch von "Anzeichen" für drei "Masseninternierungslager" im Kosovo.

Drei Möglichkeiten zur Versorgung der Flüchtlinge, so der SPD-Politiker am Mittwoch im Verteidigungsausschuß des Bundestages, werden diskutiert: "Airdrop" von Hilfgütern, die Schaffung eines gesicherten Korridors sowie die Hilfe durch internationale Organisationen wie das Rote Kreuz.Der Abwurf von Hilfsgütern als Flugzeugen gilt als höchst problematisch: Sie könnten von den Serben abgeschossen werden, die Hilfe in die falschen Hände geraten.Für einen Korridor wäre die Billigung der Belgrader Führung Voraussetzung.Soldaten die einen solchen Zugang absichern müßten, könnten leicht in Gefechte mit serbischen Soldaten oder Freischärlern verwickelt werden - ein gefährlicher Schritt auf dem Weg zum Bodenkrieg.Scharping nannte daher nach Angaben aus Teilnehmerkreisen die Versorgung durch neutrale internationale Einrichtungen die beste Lösung.Hier könne die Einwilligung der Regierung leichter zu erzielen sein.Eine Vermittlung durch Rußland sei denkbar und anstrebenswert.

Ob dieser Weg wahrscheinlich ist, steht allerdings auf einem anderen Blatt.Deshalb fordere der Kosovo-Friedensplan von Minister Joschka Fischer den sofortigen Rückzug der Serben aus dem Kosovo, heißt es im Auswärtigen Amt, damit es "sofortigen Zugang der internationalen Hilfsorganisationen" gebe.Deren Tätigkeit zu ermöglichen, hätten auch die Außenminister der USA und Rußlands, Albright und Iwanow, bei ihrem Treffen in Oslo gefordert.Mit Beginn der Luftangriffe der NATO haben die Organisationen das Kosovo verlassen.

Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen sieht aktuell keinen Weg zur Hilfe."Ohne gegenseitige Verständigung keine Lösungsmöglichkeit", erklärte ein Vertreter des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen, UNHCR, der Tagesspiegel.Er teilt die Bedenken gegen Abwürfe von Hilfsgütern sowie gegen einen Korridor.Beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IRK) zeigt man sich ebenfalls "in größter Sorge".Es sei Ziel des IRK in Verhandlungen mit der Bundesrepublik Jugoslawien eine Rückkehr der Helfer zu erreichen, sagte der DRK-Einsatzleiter für den Balkan, Frank Jörres, dem Tagesspiegel.Wann dies möglich sei, stehe jedoch in den Sternen.In Rot-Kreuz-Kreisen wird auf die hohen organisatorischen Fähigkeiten der jugoslawischen Mitgliedsorganisation verwiesen.Diese seien etwa bei der Versorgung serbischer Flüchtlinge aus der Krajna unter Beweis gestellt worden.Doch könne sie sich derzeit den politischen Zwängen nicht entziehen.

Die Welternährungsorganisation FAO sieht durch die Kriegsschäden die Versorgung der Bevölkerung im Kosovo auch längerfristig gefährdet.Weil Tausende von Bauernhöfe zerstört oder verlassen seien, bestünden entsprechend schlechte Ernteaussichten.Flüchtlinge hatten außerdem von Erschießungen des Viehs durch Serben berichtet.Seinen Optimismus versucht in dieser verzweifelten Lage Rupert Neudeck zu bewahren."Wir gehen nicht davon aus, daß die Angriffe noch Wochen andauern", sagte der Cap-Anamur-Gründer.Er sehe sich "in drei Wochen" wieder in der kosovarischen Hauptstadt Pristina."Wir bereiten jedenfalls schon jetzt ein Rückkehr- und Wiederaufbauprogramm vor."

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