Politik : Ohne Genossen

Die Tübinger Parteifreunde finden die Aussagen Däubler-Gmelins zum Hitler-Vergleich abenteuerlich – und glauben dem „Tagblatt“

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Von Bettina Wieselmann,

Tübingen

„Es hat schon einfachere letzte Wahlkampftage gegeben“, stöhnt der Tübinger SPD-Kreisvorsitzende Jochen Gewecke. Dass seine Bundestagskandidatin, Justizministerin Herta Däubler-Gmelin, an diesem Sonnabend Schlagzeilen auf den Frontseiten fast aller deutschen Tageszeitungen macht und seit Stunden in allen Nachrichtensendungen an erster Stelle genannt wird, darauf hätten die Genossen gern verzichtet. Es reicht schon, dass die Monopolzeitung am Ort, das über Nacht im Wortsinn weltberühmt gewordene „Schwäbische Tagblatt“, mit der Affäre um den unsäglichen Vergleich politischer Methoden bei US-Präsident George W. Bush und Adolf Hitler aufmacht: „Ministerin leugnet Attacke auf Bush". Gewecke könnte behaupten, er glaube dem Dementi der Ministerin, die ihren vom Heimatblatt berichteten, fatalen Wahlkampfauftritt nicht mehr wahrhaben will. Doch der SPD-Kreisvorsitzende, der auch unter den „Tagblatt“-Redakteuren Freunde hat, sagt freimütig, „ich ziehe nicht in Zweifel, dass es journalistisch korrekt war“. Natürlich hätte die Ministerin „das anders handhaben müssen". Sorgen um die direkte Wiederwahl von Herta Däubler-Gmelin, die 1998 mit 47,2 Prozent in Tübingen das zweitbeste Erststimmenergebnis in Baden-Württemberg geholt hatte, macht sich Gewecke dennoch nicht. Die Bush-kritische Position teilten nicht nur Sozialdemokraten: „Selbst bekennende Christdemokraten haben mich angerufen und gesagt, jetzt würden sie auch Herta wählen.“ Auch Willi Kemmler, Chef der Tübinger Kreistagsfraktion und seit 25 Jahren Däubler-Gmelins politischer Weggefährte, ist überzeugt, dass es die Position des US- Präsidenten im Irak-Konflikt ist, die die Wähler irritiert und nicht die der Justizministerin.

Hinter vorgehaltener Hand gibt es ganz andere Stimmen in der baden-württembergischen SPD. Abenteuerlich sei der gesamte Vorgang, der ganz und gar „nach alter Herta-Manier“ abgelaufen sei: „rechthaberisch, rechthaberisch, rechthaberisch“. Während Kreisvorsitzender Gewecke („Ich bin ein hoffnungsloser Optimist“) die Ministerin auch weiterhin im Amt sieht („Andere hatten mehr Freischüsse"), sehen einflussreiche Kritiker das Karriereende der Justizministerin besiegelt: „Sie ist über sich selbst gestolpert.“ Zudem sind nach Angaben des „Tagblatt“-Chefredakteurs zwei Teilnehmer des umstrittenen Gesprächs bereit, eidesstattlich zu versichern, dass die Ministerin Bush und Hitler in einen Kontext gestellt hat.

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