Politik : Ohne jede Spur

Regierung hat keinen Kontakt zu Entführern im Irak / Drohnen suchen weiter nach Hinweisen

Erwin Decker[Kirkuk],Frank Jansen[Berlin]

Im Fall der im Irak entführten Deutschen scheint die Bundesregierung noch immer keinen Kontakt zu den Geiselnehmern gefunden zu haben – damit wächst die Sorge, Thomas Nitzschke und René Bräunlich könnte es genauso ergehen wie drei anderen Ausländern, die seit 2004 in der Erdölregion von Baidschi verschleppt wurden. Von den Männern fehlt bis heute jede Spur. „Wir können nur hoffen, dass das jetzt nicht so weitergeht“, sagte ein Sicherheitsexperte am Donnerstag dem Tagesspiegel.

Bei den verschwundenen drei Ausländern handelt es sich um den brasilianischen Bauingenieur Joao José Vasconcelos, der am 19. Januar 2005 entführt wurde, um einen Türken und einen Ausländer, dessen Nationalität nicht geklärt ist. In keinem der Fälle meldeten sich die Entführer.

Nach der Verschleppung der beiden aus Leipzig stammenden Ingenieure am Dienstag hätten sich bei der deutschen Botschaft „Selbstanbieter“ gemeldet, die gegen Bezahlung angeblich Informationen liefern können, hieß es am Donnerstag in Sicherheitskreisen. Doch aus den bisweilen zweifelhaften Kreisen dieser Selbstanbieter sei noch nichts gekommen, was den im Auswärtigen Amt tagenden Krisenstab weitergebracht hätte. Auch die Beobachtung einschlägiger Homepages brachte offenbar keine neuen Erkenntnisse. Auf islamistischen Websites, über die Al Qaida oder andere militante Gruppierungen Mitteilungen veröffentlichen lassen, finde sich zur Entführung nichts, sagte ein Fachmann.

Die Amerikaner im Irak vermuten, die zwei Ingenieure würden in Baidschi oder Umgebung gefangen gehalten. Möglicherweise befänden sich die Geiseln in einem Umkreis von maximal zehn Kilometern, sagte ein Mitarbeiter der CIA dem Tagesspiegel in Kirkuk. Die US-Truppen suchten weiter mit Drohnen die Umgebung von Baidschi ab. Dabei helfe das nasskalte Wetter – je niedriger die Temperaturen seien, desto besser könnten die Wärmebildkameras der unbemannten Flugkörper Bewegungen von Personen wahrnehmen. Bislang hätten die Drohnen aber nichts Verdächtiges entdecken können, sagte der CIA- Mann. Außerdem seien die Flugkörper fast nur für die Aufklärung der kaum befahrenen Umgebung von Baidschi zu nutzen. In der verwinkelten, von 60 000 Menschen bewohnten Stadt könnten die Drohnen wenig ausrichten.

Wie erst jetzt bekannt wurde, hatten amerikanische und irakische Soldaten am Dienstag in Baidschi nur Stunden nach der Entführung Dutzende Terrorverdächtige festgenommen. Dabei wurden gestohlene Uniformen der irakischen Armee gefunden. Die Entführer von Nitzschke und Bräunlich hatten Uniformen der Nationalgarde getragen. Ob es einen Zusammenhang zwischen der Razzia und der Geiselnahme gab, ist bislang allerdings unklar.

Unterdessen wird in Sicherheitskreisen überlegt, welches Motiv die Entführer haben könnten. Genannt werden zwei Varianten: Die Geiselnehmer könnten es, wie im Fall der Archäologin Susanne Osthoff, vor allem auf Lösegeld abgesehen haben. Denkbar wäre aber auch, dass die Entführung von Nitzschke und Bräunlich eine Art Straf- oder Racheaktion sei – als Reaktion auf Berichte in den deutschen Medien über die Aktivitäten zweier deutscher BND-Männer während des Irakkrieges in Bagdad. Die Vermutung, Deutschland habe über die zwei BND-Mitarbeiter die Invasion der amerikanischen Truppen unterstützt, könnte für die Entführer ein Anlass zum Handeln gewesen sein, sagte ein Experte.

Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) appellierte an die Geiselnehmer, Nitzschke und Bräunlich freizulassen. Nach Ansicht des Vizechefs der Unionsfraktion, Wolfgang Bosbach, müsste sich die sächsische Firma der entführten Ingenieure, die Cryotec GmbH in Bennewitz, an den Kosten für die Rettung beteiligen. Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) nannte hingegen die Diskussion um eine finanzielle Beteiligung der Cryotec „völlig unpassend“.

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