Politik : Ohne kirchlichen Segen

Italiener stimmen über künstliche Befruchtung ab / Bischöfe für Wahlboykott – der Papst hält sich zurück

Paul Kreiner[Rom]

Mehr als 80 Prozent der Italiener bezeichnen sich als katholisch. Aber wie viel Macht hat die Kirche noch in diesem Land? Camillo Ruini, der Vorsitzende der italienischen Bischofskonferenz, will es wissen. Deshalb schießt er, schießen Bischöfe und katholische Verbände aus vollen Rohren gegen den bevorstehenden Volksentscheid.

Im Januar 2004 hatte das italienische Parlament mit breiter Mehrheit ein verbotsstarkes Gesetz beschlossen, das die künstliche Befruchtung auf fest zusammenlebende, verschiedengeschlechtlich zusammengesetzte Paare beschränkt, die aus medizinischen Gründen nicht anders zum ersehnten Nachwuchs kommen. Es dürfen jeweils nur drei Embryonen erzeugt werden; sie müssen der Frau in einer einzigen Implantation eingesetzt werden; die Tiefkühllagerung „auf Vorrat“ ist untersagt. Nicht zulässig sind ferner die Untersuchung der Zellgebilde auf mögliche Gendefekte und das Aussondern kranker Embryonen, das Klonen ohnedies, darüber hinaus die Forschung an embryonalen Stammzellen sowie die Verwendung von Samen- oder Eizellen dritter Personen.

Es ist ein Gesetz, das den ethischen Vorstellungen der Kirche weitestgehend entspricht. Den meisten Linken ist es hingegen wegen seiner vielen Verbote zuwider. Im Januar, mit deutlich mehr als den 500000 vorgeschriebenen Unterschriften munitioniert, haben sie beim Verfassungsgericht einen Volksentscheid erwirkt. Mit ihm sollen die tragenden Passagen des „Gesetzes Nummer 40“ weggestimmt werden. Nur müssen dann am kommenden Sonntag und Montag mindestens die Hälfte der italienischen Wahlberechtigten zur Abstimmung gehen.

Genau das will die katholische Kirche verhindern. Kardinal Ruini forderte die Gläubigen auf, dem Referendum fernzubleiben. Zum Leidwesen mancher kirchlicher Würdenträger ließ der Papst einen flammenden Appell an die italienische Wählerschaft vermissen. Benedikt XVI. wandte sich zwar gegen jede „Manipulation des Lebens von seinem Anfang an“, ansonsten teilte er aber  nur mit, er sei den Bischöfen „nahe“ in ihrer „bekannten Anstrengung“.

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