Politik : Ohne klares Denken

Wie eine Psychiaterin die TV-Äußerungen der ehemaligen Geisel Susanne Osthoff interpretiert

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Berlin - Im ZDF-Interview machte Susanne Osthoff einen merkwürdigen, ja bizarren Eindruck. Tief verschleiert gab sie der Moderatorin Marietta Slomka aus dem Studio des arabischen Senders Al Dschasira in Doha in Katar Antworten, in denen Personen, Zeiten und Orte durcheinander gingen. Wirr, zerfahren, meist ohne jeden Bezug zu den Fragen. Das Gespräch wurde deshalb nur stark bearbeitet mit einem Tag Verspätung am Mittwoch vom ZDF ausgestrahlt.

„Jeder Laie erkennt: Frau Osthoff ist ein Stück aus der Realität herausgerutscht“, sagt Isabella Heuser, Psychiaterin und Klinikdirektorin an der Berliner Uniklinik Charité. „Sie kann nicht mehr klar denken.“ Form und Inhalt von Osthoffs Antworten sind für Heuser „psychopathologisch auffällig“. Auch wenn man, schränkt sie ein, „die ganze Situation aus der Ferne nur schwer beurteilen kann“.

Frau Osthoff antwortete öfters „paralogisch“, also in sich widersprüchlich („Wenn ich etwas frage, dann tue ich es“) und „tangential“, redete also an den Fragen vorbei. Vor allem aber sprach sie ohne inneren Zusammenhang, zum einen weitschweifig, zum anderen an konkreten Einzelheiten haftend. Sie nannte plötzlich ihre Heimatstadt Glonn, erinnerte an den Streit mit einem Vermieter, ließ den Namen eines Botschaftsangehörigen fallen.

Gleichzeitig wirkten die Antworten schroff, insbesondere von Deutschland und ihrer Familie wollte Frau Osthoff nichts mehr wissen. Zweimal tauchte in ihren Worten ein „jüdischer Geheimdienstoffizier“ auf. Verfolgungswahn oder Ausdruck einer echten Gefahr für die Frau, die möglicherweise gute Beziehungen in Saddams Irak hatte? „Bei jedem, der paranoid ist, gehen auch Dinge aus der Realität mit in die Denkwelt ein und kehren hier als Wahnvorstellungen oder fixe Ideen wieder“, sagt Isabella Heuser. „Das würde mich nicht überraschen, zumal der israelische Geheimdienst sicher in der Region präsent ist.“

Für die Psychiaterin spricht manches dafür, dass Osthoff eine „akzentuierte“, vielleicht paranoid getönte Persönlichkeit hat. Es könnte aber auch sein, dass sie unter dem Eindruck und den Strapazen der Entführung einen „psychotischen Zusammenbruch“ erlebt hat, also eine schwere seelische Krise. Schließlich lässt sich nicht ausschließen, dass Frau Osthoff schon psychisch krank war, als sie entführt wurde. „Die geistige Zerfahrenheit, das Danebenreden, das der Logik Widersprechende, die paranoiden Elemente – all das zeichnet den Denkstil von psychotisch Erkrankten aus“, sagt Heuser.

Um das genau beurteilen zu können, muss man wissen, wie Osthoff vor der Entführung gelebt hat. „Wie ist sie im Irak zurechtgekommen? Ist bei ihren Vorhaben etwas herausgekommen? Hat sie wirklich als Archäologin wissenschaftlich gearbeitet? Oder hat sie Einbrüche erlebt, einen Knick in der Lebenskurve hinnehmen müssen?“ fragt Heuser. „So etwas würde dafür sprechen, dass sie schon seit längerem eine psychische Erkrankung hat.“ Im Interview gibt Susanne Osthoff darauf vielleicht einen Hinweis. Merkt sie doch an, vor der Entführung „mit den Nerven schon ziemlich runter“ gewesen zu sein.

Vorerst bleiben die genauen Umstände ihres Lebens im Irak unklar. Sicher ist, dass Osthoff dringend professioneller Hilfe bedarf, wie Heuser sagt. „Sie sollte zu einem Psychotherapeuten oder Psychiater gehen. Man spürt, dass da etwas nicht in Ordnung ist.“

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