Politik : Ohne Wehrdienst keine Zivis - Sozialverbände befürchten gravierende Konsequenzen

Robert Birnbaum

Die Sozialverbände schlagen schon vorsorglich Alarm. Würden die Vorschläge der Weizsäcker-Kommission zur Reform des Wehrdienstes Realität, "wäre dies das Ende des Zivildienstes in seiner jetzigen Form", warnt der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Ulrich Schneider. 135 000 Wehrpflichtige tun derzeit Dienst in der Armee - nach den Kommissionsplänen sollen es demnächst nur noch 30 000 sein. Selbst das Gegenkonzept des Generalinspekteurs von Kirchbach sieht nur noch 84 000 Wehrpflichtige vor.

Die Verbände befürchten nun, dass nach einer solchen Reform die Zahl der Zivildienstleistenden erheblich sinken würde. Denn, so argumentiert Schneider: Je weniger Wehrpflichtige tatsächlich einberufen werden, desto größer die Chance für jeden Einzelnen, völlig ohne Dienst davonzukommen. "Dann stellt sich die Frage, wer noch den Kriegsdienst verweigern soll", sagt Schneider.

Tatsächlich scheinen die Zahlen solche Befürchtungen zu stützen. Etwa 400 000 junge Männer umfasst derzeit ein Altersjahrgang; rund 300 000 werden bei jeder Musterung als wehrdienstfähig eingestuft. 1999 teilte sich diese Gruppe grob in zwei Hälften. 154 000 Wehrpflichtige hat die Bundeswehr eingezogen, etwa 170 000 junge Männer verweigerten den Waffendienst und leisten Zivildienst. Am interessantesten ist eine dritte Zahl: Auf maximal ein halbes Prozent pro Jahrgang beziffert das Verteidigungsministerium den Anteil derer, die dem Grundwehrdienst entgehen, weil sie bis zum 25. Lebensjahr gar nicht einberufen werden. Eine verschwindend geringe Chance also, durch die Maschen zu rutschen. Sinkt die Zahl der Einberufenen, steigt diese Chance.

Freilich weisen Fachleute darauf hin, dass es sich für den Einzelnen womöglich trotzdem nicht lohnt, das schwer abschätzbare Risiko auf sich zu nehmen: Lieber direkt nach der Schule ein knappes Jahr Dienst ableisten als mit der Unsicherheit leben, ob nicht der Gestellungsbescheid später doch noch kommt - womöglich zu einer viel unpassenderen Zeit.

Aber die Gefahr ist erkannt. Beim Familienministerium berät seit kurzem eine Kommission darüber, welche Folgen die Bundeswehr-Reform für den Zivildienst hat. Immerhin sind allein im Pflegebereich in all seinen Facetten mehr als 80 000 Zivis tätig; für gut 130 000 junge Männer stünden Plätze bereit.

Insgesamt leisten derzeit rund 127 000 junge Männer ihren Zivildienst ab; fast 190 000 Plätze stehen bereit für den Fall, dass die Zahl der Verweigerer nach dem Rekord von 1999 weiter steigt. Die Vorsorge erscheint nicht unbegründet: Im ersten Quartal 2000 stieg die Zahl der Anträge auf Kriegsdienstverweigerung schon um rund 4100.

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