Politik : Ohne Worte

Ein Kniefall, eine Geste – Symbole sind schon immer Teil der Politik. Ein Gespräch im Tagesspiegel-Salon

Bastian Pauly
Kanzlerdreieck.
Kanzlerdreieck.Foto: REUTERS

Berlin - Angela Merkel zentriert ihre Hände vor ihrer Körpermitte. Auf etlichen Bildern ist zu sehen, wie sie mit Zeigefingern und Daumen ein Rechteck formt. Es ist eine ganz bestimmte, einstudierte Geste. Sie zeigt sie immer wieder, zu den verschiedensten Anlässen. Aber was steckt nur hinter dieser Gestik? Ist sie gar ein politisches Symbol?

Kontrovers wurde diese Frage am Donnerstag im Rahmen der Veranstaltung „Politische Inszenierung: Symbolpolitik vom Mittelalter bis heute“, im Tagesspiegel-Salon diskutiert. Thomas Steg, Politikberater und von 2002 bis 2009 unter den Regierungen Schröder und Merkel als stellvertretender Regierungssprecher tätig, traf auf dem Podium zusammen mit Matthias Puhle, dem leitenden Direktor der Magdeburger Museen. Die beiden Experten waren sich einig: Politische Symbole, Kult um Ämter und Personen, bestimmte Gegenstände oder Rituale bestimmen das Politische seit jeher – ob im Mittelalter oder in der Moderne.

Politische Symbole entstünden nicht aus Beobachtungen, sondern dem interpretativen Verstehen von Politik, sagte Tagesspiegel-Redakteurin Anna Sauerbrey, die das Gespräch moderierte. Es sind Bilder, die sich in den Köpfen des Beobachters einbrennen: der Kniefall Willy Brandts in Warschau als Zeichen der Demut, die Reichsinsignien als Symbole der Macht und Herrschaft oder das Hakenkreuz als Sinnbild menschlichen Verbrechens und des Terrors. „Politische Symbole bedürfen keiner weiteren Erklärung“, sagte Steg.

So bedeutsam Inszenierung für die Politik heute noch ist – im Vergleich zum Mittelalter hat die Allmacht der Symbole mit der Zeit abgenommen. Die Gesellschaft ist liberaler, die Politik demokratischer und der Staat säkularer geworden. Anders als zu Zeiten Otto des Großen verfügen Inhaber politischer Macht nicht mehr über die alleinige Gewalt über Bilder und deren Deutung. Gewisse Parallelen gibt es dennoch: Angela Merkel sitzt zwar nicht mehr auf dem Kaiserthron, aber im Bundestag dennoch ein paar Zentimeter höher als die anderen Abgeordneten. Früher reiste der Kaiser durch seine Lande, heute präsentiert sich der Bundespräsident zu seinem Amtsantritt in allen 16 Bundesländern.

Gerade auch die Demokratie bedürfe politischer Symbole, betonte Steg. „Sie sind wichtig, um Wahlen zu gewinnen.“ Symbole und Inszenierungen stifteten Identifikation und trügen damit auch dazu bei, das politische System zu legitimieren.

Angela Merkels auffällige Handhaltung ist vielleicht kein politisches Symbol, aber sie drückt dennoch eine Botschaft aus. „Sie möchte glaubwürdig und authentisch wirken“, meint Politikberater Steg. Er jedenfalls beobachte diese Merkel-Geste immer dann, wenn die Kanzlerin sich vermeintlich wohlfühlt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben