Politik : Oklahoma-Attentäter: Zum Sterben bereit

Malte Lehming

Jetzt geht alles wieder von vorne los. Raoul David, dessen Supermarkt in Terre Haute direkt gegenüber vom Bundesgefängnis liegt, wird seinen "McVeigh-Special" zubereiten. Das ist ein gut gewürzter Kebab in Soja-Sauce. Der tätowierte T-Shirt-Verkäufer wird seine McVeigh-Hemden anbieten, mit Aufdruck wahlweise für oder gegen die Hinrichtung des Attentäters von Oklahoma. Die Polizisten der Stadt werden Überstunden machen, ebenso die Feuerwehrleute und die Hotelangestellten. Wieder werden mehr als tausend Journalisten erwartet, wieder sind alle Zimmer in der kleinen Stadt im Bundesstaat Indiana ausgebucht.

Und wieder gibt es auf allen Kanälen Dutzende von Sondersendungen, in denen ein ums andere Mal der Ablauf der Tötung geschildert und die Tat ins Gedächtnis gerufen wird. Außerdem kommen die Angehörigen der Opfer zu Wort. Auch was die zu sagen haben, ist freilich seit vielen Wochen bekannt. Die Mehrheit erhofft sich von der Hinrichtung des "amerikanischen Terroristen" - das ist der Titel einer Art Biographie über ihn - den seelischen Abschluss dieses Kapitels. Die Minderheit glaubt nicht daran, dass der Tod des Täters den Schmerz der Hinterbliebenen um die Opfer lindert.

Timothy McVeigh, 33 Jahre alt, Golfkriegsveteran, wird am Montag die Giftspritze injiziert bekommen. Das steht inzwischen fest. Nur ein erneutes Wunder, wie es vor vier Wochen geschah, kann das noch ändern. Damals waren fünf Tage vor dem angesetzten Hinrichtungstermin überraschend Tausende von FBI-Dokumenten aufgetaucht, die sich mit dem Fall befassen. Für die Ermittlungsbehörden war die Schlamperei äußerst peinlich. US-Justizminister John Ashcroft verschob den Termin auf den 11. Juni. Die Anwälte von McVeigh sagten, sie bräuchten mehr Zeit, um das Material zu prüfen. Vermutungen kursierten, darin werde die Existenz eines bislang unbekannten Mittäters erwähnt. Doch ihr Einspruch wurde abgewiesen.

Am Donnerstag schließlich war es McVeigh selbst, der zur Enttäuschung seiner Anwälte sich jede weitere Intervention - die bis zum Obersten Gericht hätte gehen können - verbat. Er sei zum Sterben bereit, sagte der Mann, der im April 1995 vor einem öffentliche Gebäude in Oklahoma eine Bombe gezündet und 168 Menschen ermordet hatte. Das waren mehr, als Saddam Hussein während des Golfkriegs tötete. Es war der schlimmste Terrorakt, der jemals in den USA verübt wurde. Die Unsicherheit belaste ihn, sagte McVeigh seinen Anwälten. Und ein Gnadengesuch beim Präsidenten einzureichen - schließlich ist es das erste Todesurteil, das der Staat seit 38 Jahren vollstreckt -, erscheine ihm wie eine "sinnlose Geste".

Jetzt wartet er auf seine letzte Mahlzeit, seinen letzten Gedanken, seinen letzten Atemzug. Seit Juli 1999 sitzt er im Todestrakt des Bundesgefängnisses zusammen mit 19 anderen Kandidaten. Von dort wird er demnächst in eine kleine Zelle im Exekutionsgebäude überführt, das etwa 200 Meter entfernt liegt. Nur ein paar Dinge darf er mitnehmen, darunter fünf ungerahmte Fotos und ein Taschenbuch. Ab Sonntag früh darf McVeigh keine persönlichen Telefonate mehr führen, mit Ausnahme zu seinen Anwälten. Am Montag wird er zeitig geweckt, muss eine Kaki-Hose, ein weißes Hemd, Socken und Slipper anziehen, wenn er will, bekommt er ein Beruhigungsmittel.

Die letzten Worte des Attentäters stehen ebenfalls seit Wochen fest. Er wird zwei Zeilen aus dem Gedicht "Invictus" von William Ernest Henley zitieren: "Ich bin der Meister meines Schicksals, ich bin der Kapitän meiner Seele." Drei Stunden nach der Hinrichtung wird die "Tribune Star", die örtliche Tageszeitung, eine zwölfseitige Sonderausgabe herausbringen.

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