Oliver Lepsius : „Niemand traut sich an heikle Zukunftsfragen“

Glamour à la Guttenberg hilft dem Land nicht weiter, sagt Oliver Lepsius. Ein Gespräch über Wehrpflicht, Stuttgart 21 und politische Kultur.

von und Interview: Peter von Becker

Herr Lepsius, Sie waren Teil eines politischen Erdbebens. Mit einem einzigen Satz haben Sie in der wohl größten deutschen Polit-Affäre des Jahres 2011 eine Hauptrolle gespielt und zum vorläufigen Aus von Karl-Theodor zu Guttenberg beigetragen. Der Satz lautete: „Wir sind einem Betrüger aufgesessen.“

Dass Guttenberg zurücktreten musste, hat er sich schon selbst zuzuschreiben. Er hatte sich durch Verleugnung und Verdrängung in eine Situation der Ausweglosigkeit gebracht.

Trotzdem hat Ihre Äußerung im Fernsehen den Sturz beschleunigt.

Wenn ich jenen Satz nicht gesagt hätte, hätte ihn ein anderer gesagt. Mir kam ja nur so viel Aufmerksamkeit zu, weil ich an der betroffenen Universität Bayreuth als Nachfolger von Guttenbergs Doktorvater lehre.

Viele Bürger, aber auch Politiker und Kommunikationsprofis von der Kanzlerin bis zur „Bild“-Zeitung haben Guttenbergs Vergehen erst als Kavaliersdelikt abtun wollen. Was sagt das über die politische Kultur in Deutschland?

Der Fall Guttenberg ist in der Tat symptomatisch für die politische Kultur. Er offenbart eine enttäuschte Sehnsucht vieler Menschen nach dem guten, interessanten und auch attraktiven Politiker. Den Vorwurf „Ihr demontiert unseren Liebling!“ will ich deshalb gar nicht kritisieren. Die Bevölkerung wünscht sich Personen, bei denen sie das Gemeinwohl in besonderer Weise aufgehoben glaubt. Und sie projiziert diese Sehnsucht auf jemanden, der zu einer entsprechend gewinnenden Inszenierung fähig ist.

Die Plagiatsaffäre - Guttenberg bis zum Schluss
1. März 2011: Karl-Theodor zu Guttenberg bei seinem Abgang aus dem Amt des Bundesverteidigungsministers. Die Universität Bayreuth wirft ihm Anfang Mai "vorsätzliches wissenschaftliches Fehlverhalten" vor. Er habe "die Standards guter wissenschaftlicher Praxis evident grob verletzt und hierbei vorsätzlich getäuscht."Weitere Bilder anzeigen
1 von 54Foto: Reuters
06.05.2011 14:321. März 2011: Karl-Theodor zu Guttenberg bei seinem Abgang aus dem Amt des Bundesverteidigungsministers. Die Universität Bayreuth...

Eine Art Anti-Politiker?

Ja. Wir haben einige davon, etwa Peer Steinbrück oder auch Wolfgang Schäuble. Sie stehen, aus unterschiedlichen Gründen, ein Stück weit außerhalb des alltäglichen politischen Diskurses. Sie verkörpern Distanz, provozieren, erscheinen dem Volk als geistig und im Fall zu Guttenberg auch als materiell unabhängig. Anscheinend honorieren die Menschen das. Das Problem ist nur: Es muss einhergehen mit politischer Kompetenz. Das eigentliche Talent Guttenbergs liegt ja darin, dass er mehr Fragen von Anstand, Stil und Etikette zum Gegenstand der Politik gemacht hat als Sachfragen.

Erleben wir eine Entpolitisierung der Öffentlichkeit, oder ist es nur eine Verschiebung weg von den alten Strukturen, von den festen Parteizugehörigkeiten hin zu Personen und zur Show?

Wir beobachten gewiss eine Entpolitisierung, wenn Stilfragen inszeniert werden. Diese Anti-Politik hat nämlich einen paradoxen Effekt: Guttenbergs Mischung aus Glamour und medialer Volksnähe hat viele eher unpolitische Menschen für Politik interessiert, aber dieses Interesse zugleich auf unpolitische Themen gerichtet. Zur Lösung komplizierter Sachfragen tragen Inszenierungen à la Guttenberg nichts bei.

Lesen Sie auf Seite zwei mehr darüber, wo die neuen engagierten Bürger in der politischen Kultur stehen.

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