Olympische Spiele 2008 : Ein Jahr vor Olympia: Boykottaufrufe und Proteste

So hat sich Chinas Regierung die große Countdown-Feier für die Olympischen Spiele nicht vorgestellt. Statt Jubel herrscht Skepsis. Dürfen die Spiele in einem Land stattfinden, das die Menschenrechte missachtet, andere Länder besetzt und seine Sportler dopt?

Philipp Lichterbeck

Berlin/Washington/PekingSymbolträchtiger könnte der Ort kaum sein. Ausgerechnet auf dem Pekinger Tiananmen-Platz feiert China die große Countdown-Party für die Olympischen  Spiele, die heute in einem Jahr in Chinas Hauptstadt beginnen. Auf demselben Platz also, auf dem die chinesische Führung 1989 den friedlichen Protest Tausender Studenten blutig niedermachen ließ. Die Fotos von damals mit Panzern und Toten sollen verdrängt werden durch die Bilder des neuen, modernen und fröhlichen China. Doch die Taktik scheint nicht aufzugehen. Das internationale Echo wird dominiert von der Frage: Dürfen die Olympischen Spiele in einem Land stattfinden, das systematisch die Menschenrechte missachtet, Tibet besetzt hält und seine Sportler dopt?

Eine Gruppe konservativer US-Abgeordneter beantwortet die Frage klar mit: Nein. Die acht Republikaner haben sogar zum Boykott der Spiele aufgerufen, um gegen Menschenrechtsverletzungen zu protestieren. In der Resolution, die sie ins Repräsentantenhaus eingebracht haben, heißt es, China verweigere das Recht auf Freiheit des Gewissens, der Meinung, der Religion und der Versammlung. Außerdem würden Tausende Menschen ohne Prozesse inhaftiert. Die Resolution soll nach dem Ende der parlamentarischen Sommerpause Anfang September im Außenausschuss des Repräsentantenhauses debattiert werden.

Nirgendwo finden mehr Menschenrechtsverletzungen statt

Auch aus Deutschland kommt unverhohlene Kritik. So will der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Günter Nooke, Peking zur Einhaltung der Menschenrechte drängen. Der frühere DDR-Bürgerrechtler appellierte an "die Regierungen der Welt, aber auch das Olympische Komitee, die Sportverbände und die Journalisten", die Zeit zu nutzen, um Verbesserungen für die Menschen in China zu erreichen. Peking dürfe "westliche Werte nicht nur übernehmen, wenn es ums Geschäft geht", sagte Nooke, der in der CDU ist. Tatsächlich hat die chinesische Regierung weltweit die meisten Menschenrechtsverletzungen zu verantworten.

Wie zur Bestätigung wurden denn auch wenige Stunden vor der Feier tibetische Unabhängigkeitsaktivisten festgenommen. Die Polizei griff sechs Tibeter bei einer Protestaktion an der Großen Mauer auf. Sie hatten ein 42 Quadratmeter großes Spruchband entrollt. Darauf stand: "Eine Welt, ein Traum - befreit Tibet 2008." Die Aufschrift in Chinesisch und Englisch spielt auf das offizielle Motto der Spiele an. 1951 war die chinesische Armee in Tibet einmarschiert und China verleibte sich das Land als autonome Region ein.

Das IOC hält sich mit Kritik zurück

Die Menschenrechtsgruppen Human Rights Watch (HRW) und Amnesty International (ai) griffen unterdessen das Internationale Olympische Komitee (IOC) für seine laxe Haltung gegenüber Chinas Führung an. Die "ernsthaften Verletzungen" der Menschenrechte seien ein "Affront gegen die Grundprinzipien der olympischen Charta", sagte Ai-Generalsekretärin Irene Khan. Sie zeigte sich besorgt über das "offensichtliche Zögern" des IOC in Menschenrechtsfragen, klar Stellung zu beziehen. Das IOC hatte noch Anfang des Jahres den sportlichen Charakter der Spiele betont, gleichzeitig aber die vollständige Respektierung der Menschenrechte während des Wettbewerbs gefordert. Doch je näher die Spiele rückten, desto geringer erscheine die Entschlossenheit des IOC, die Menschenrechtslage anzusprechen, bemängelte Amnesty.

Khan sagte, zwar habe es auch Fortschritte gegeben, wie die sinkende Zahl von Todesurteilen und die liberaleren Regeln für ausländische Journalisten. Aber lokale Berichterstatter seien weiter Repressalien ausgesetzt, und das Internet würde zensiert. Außerdem benutze Peking die Spiele als Vorwand, Menschen wegen kleiner Vergehen ohne Begründung festzuhalten. Amnesty forderte China auf, in den kommenden Monaten seine Versprechen zur Verbesserung der Menschenrechtslage einzulösen. Ansonsten drohe der Ruf des Landes und der Spiele beschädigt zu werden. Die Organisation forderte die Freilassung von Menschenrechtlern und kritischen Journalisten, die Abschaffung der Todesstrafe und ein Ende willkürlicher Überwachungen und Festnahmen.

Dopingexperte: "Viele Sportarten sind in China vom Doping versaut"

Das zweite Thema, das der chinesischen Führung nicht schmecken dürfte, sind Berichte über systematisches Doping. So fordert der Dopingexperte Werner Franke die führenden Sportnationen zum Boykott der Veranstaltung auf. Wenn Kontrolleuren der Welt-Antidoping-Agentur keine uneingeschränkte Einreise per Dauervisum zu Untersuchungen nach China erlaubt werde und diese sich dort auch nicht ungehindert bewegen könnten, müsse man sich von den Spielen in Peking zurückziehen. Das wäre ein Aufstand der Anständigen, sagte Franke der "Thüringer Allgemeinen".

Laut Franke, der Molekularbiologe ist, ist China der weltweit führende Dopingmittel-Hersteller und -Anbieter. Vor allem über das Internet werde der Sport überschwemmt. Viele Sportarten wie Gewichtheben, die Frauen-Leichtathletik oder das Schwimmen seien "dort völlig versaut". Angesichts der häufigeren Kontrollen im Reich der Mitte würden die Tricks immer raffinierter. Der extreme Konkurrenzkampf zwischen den einzelnen Provinzen verleite dazu. Franke sagte, er befürchte, dass es vor und während der Olympischen Spiele kaum Fälle geben und viel unter den Tisch gekehrt werde. (mit AFP/ddp/dpa)

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