Olympisches Feuer : Fackellauf von Protesten überschattet - über 500 Festnahmen

Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen fand in Lhasa der olympische Fackellauf statt. Hunderte Polizisten und Soldaten wurden entlang der Strecke postiert, um mögliche Proteste zu verhindern. In der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu wurden mehr als 500 Menschen bei anti-chinesischen Demonstrationen festgenommen.

NEPAL-CHINA-TIBET-UNREST
Kathmandu: Am Rande anti-chinesicher Proteste nimmt die nepalesische Polizei über 500 Demonstranten fest. -Foto: AFP

Peking Zahlreiche chinesische Sicherheitskräfte waren während des Fackellaufs durch Lhasa im Einsatz, der nur knapp zwei Stunden dauerte. Die Innenstadt war streng abgeriegelt. Vor sorgfältig ausgesuchten Zuschauern wurde das olympische Feuer über eine verkürzte, 9,3 Kilometer lange Strecke zum Potala-Palast, dem früheren Sitz des Dalai Lama, getragen. Die für drei Tage angesetzte Tibet-Etappe galt als heikelster Abschnitt des Fackellaufs.

Am Rande wurde der Lauf von anti-chinesischen Protesten überschattet. Dabei wurden in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu mehr als 500 Exil-Tibeter festgenommen. Die Demonstranten, darunter buddhistische Nonnen und Mönche, skandierten Slogans wie "China raus aus unserem Land".

"Atmosphäre der Angst"

Zu Beginn des Fackellaufes gedachten mehrere hundert Teilnehmer der Zeremonie vor der ehemaligen Sommerresidenz des Dalai Lama zunächst mit einer Schweigeminute der Opfer des verheerenden Erdbebens in Sichuan. Erster Läufer war ein 72 Jahre alter, berühmter tibetischer Bergsteiger. Die Zuschauer am Rande des Weges, die chinesische und olympische Fahnen schwenkten, waren nach Angaben aus tibetischen Quellen sorgfältig ausgesucht worden. Unter den 155 Fackelläufern waren nach amtlichen Angaben auch 75 Tibeter. Teile des Laufes wurden live im chinesischen Staatsfernsehen übertragen. Bei der Abschlusszeremonie mit Tänzen von tibetischen Folkloregruppen wurde die Flamme mit dem Feuer vereinigt, das chinesische und tibetische Bergsteiger im Mai auf den Mount Everest, den höchsten Berg der Erde, getragen hatten.

Die Stimmung in Lhasa wurde als angespannt beschrieben. Die ARD-Korrespondentin Nicole Böllhof, die als einzige Deutsche mit einer Gruppe ausländischer Journalisten zu einem streng reglementierten Besuch beim Fackellauf reisen durfte, berichtete von einem "massiven Militäraufgebot" und einer "Atmosphäre der Angst" in der Hauptstadt Tibets. "Es sieht aus wie in einer Festung." Die Innenstadt sei mit Straßensperren und Zäunen abgesperrt worden. Die Bewohner seien aufgefordert worden, in ihren Häusern zu bleiben. Im Zentrum um den Yokhang-Tempel seien schon am Vortag keine Mönche oder Pilger mehr zu sehen gewesen. An den Gassen zur Altstadt seien jeweils sechs bis zehn Soldaten postiert gewesen.

Kritik von Menschenrechtlern

Der Fackellauf wurde von Exiltibetern und internationalen tibetischen Aktionsgruppen scharf kritisiert. Aus ihrer Sicht will Chinas Führung damit ihren Machtanspruch auf Tibet bekräftigen. Der Dalai Lama hatte seine Landsleute aufgefordert, den Fackellauf nicht zu stören und zu respektieren. Die Tibeter unterstützten die Olympischen Spiele, wozu auch der Fackellauf gehöre, hatte das religiöse Oberhaupt der Tibeter im Vorfeld betont. Erst am Donnerstag und Freitag waren erneut zwölf Teilnehmer an den Unruhen im März in Lhasa wegen Brandstiftung, Raubes und Angriffen auf Staatsorgane verurteilt worden.

Weitere 116 Unruhestifter warteten noch auf ihren Prozess, berichtete der Vizevorsitzende der Autonomen Regierung, Palma Trily. 1157 Menschen, denen kleinere Vergehen vorgeworfen worden seien, seien aber wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Unklar blieb, wie viele Teilnehmer an den Protesten insgesamt noch in Haft sind. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International forderte Aufklärung über die 116 Inhaftierten, denen noch der Prozess gemacht werden soll. Am 29. April waren schon 30 Mönche und andere Teilnehmer an den Unruhen zu hohen Strafen bis hin zu lebenslanger Haft verurteilt worden.

Die in London ansässige Aktionsgruppe Free Tibet Campaign sprach von einem "krank machenden Propagandastück". Die Direktorin der Menschenrechtsgruppe Human Rights in China (HRiC), Sharon Hom, teilte aus New York mit: "Diese provokative Entscheidung - mit dem Segen des Internationalen Olympischen Komitees - kann die Spannungen verschärfen und den empfindlichen Prozess untergraben, eine langfristige Lösung für Tibet und die Region zu finden." Der ursprünglich geplante dreitägige Fackellauf durch Tibet war im Zuge der Änderungen nach dem Erdbeben in Sichuan auf nur noch einen Tag verkürzt worden. Nächste Station ist die Nachbarprovinz Qinghai. (sgo/dpa)

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