Olympisches Feuer : Spießrutenlauf nach Peking

Kein zimperlicher Umgang mit Demonstranten: Wie Londons Polizei dem olympischen Feuer seinen Weg durch die britische Hauptstadt bahnte.

Matthias Thibaut,Robert Ide
Anti-China Protest London
Der olympische Fackellauf in London wird von Protesten begleitet. -Foto: AFP

London/Berlin„War’s das schon?“, fragt der fröstelnde chinesische Herr mit der Windjacke. Zügig waren Polizeimotorräder, ein roter Doppeldeckerbus und ein offener Wagen mit einem riesigen Bildschirm und einigen leichtbekleideten Damen am Queensway vorbeigefahren. Dann gab der Polizist die Straße wieder frei. Am Straßenrand riefen hunderte Demonstranten „Free Tibet“ und „China, China, China out“. Ein Großaufgebot der Londoner Polizei lenkte die olympische Fackel am Sonntag 50 Kilometer durch London. Aber der „Fackelzug der Harmonie“ war eine mühselige Sache. Die „Fackel der„olympischen Solidarität“, wie ein chinesischer Olympiasprecher sie nannte, war nur selten wirklich zu sehen.

Im Ladbroke Grover entriss ein Mann mit Wollmütze der prominenten Fackelträgerin, einer BBC Moderatorin, die Fackel. Pro Tibet Demonstranten versuchten sie mit Trockeneis aus einem Feuerlöscher zu löschen. Es gab die ersten von Dutzenden Verhaftungen an diesem Tag. Im Queensway hatte die Polizei schon gelernt: An den Sammelpunkten der Pro-Tibet-Demonstranten wurde die Fackel schnell im Bus vorbeigefahren. Eine Gruppe älterer Chinesen schaffte es nicht, ihr Plakat mit der Aufschrift: „Gerechtigkeit für 80 Millionen Opfer der kommunistischen Partei Chinas“ rechtzeitig zu entfalten. „30 Millionen Chinesen sind aus der kommunistischen Partei ausgetreten“, erklärt eine Demonstrantin, die seit 15 Jahren in London lebt. Nur Jüngere, Studenten, die nicht genug wüssten, unterstützten die Regierung“, behauptet sie. Etwa Wang Dandan aus Nottingham. „Es geht um unsere Würde. Wir müssen unsere Regierung unterstützen.“

Beide Seiten hatten ihre Erfolge. Die chinesische Botschafterin in Großbritannien, Fu Ying, trug die Fackel bejubelt von Chinesen durch Sohos Chinatown. Am Trafalgar Square war sie von Fahnen der Volksrepublik China umzingelt. Doch in der Fleet Street war die Fackel fotogen von tibetanischen Flaggen eingerahmt. Der friedlichste Moment war in der hermetisch abgeriegelten Downing Street, wo sich Premier Gordon Brown vor der Tür seines Amtssitzes neben die Fackel stellte. Berühren wollte er sie aber nicht.

Der Dalai Lama bezeichnete die Proteste seiner Landsleute am Sonntag als entscheidenden Schlag gegen die „Propaganda“ Pekings.

In Deutschland hatten am Wochenende erstmals Politiker und Sportfunktionäre die frühe Festlegung des Internationalen Olympische Komitees auf einen Boykottverzicht kritisiert. Manfred von Richthofen, der Ehrenpräsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), sprach im Tagesspiegel in diesem Zusammenhang von einem „ unsensiblen Vorgehen“. Je früher man Garantien abgebe, umso sicherer fühlten sich diejenigen in China, die nichts verändern wollten. Der mit dem Dalai Lama befreundete hessische Ministerpräsident Roland Koch sagte der „Welt am Sonntag“: „Es war unnötig, so früh zu sagen, dass es keinen Boykott geben soll.“ Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Ruprecht Polenz (CDU), sagte dem Tagesspiegel: „Der DOSB hat ein verfrühtes und damit ein falsches Signal gesetzt.“ Er forderte Athleten auf, ihre Meinung auch während der Spiele kundzutun, allerdings außerhalb der Wettkämpfe. Das IOC hatte Sportlern, die in Wettkampfstätten protestieren, mit einem Ausschluss gedroht. „Das IOC sollte nicht vorsorglich Sportlern sagen, was sie nicht tun sollen“, forderte Polenz, „Wichtiger ist, den Chinesen ständig zu sagen, was sie für die Menschenrechte tun sollen.“ Die Olympischen Spiele dürften sich nicht für chinesische Propagandazwecke missbrauchen lassen. Deshalb müsse das IOC darauf dringen, dass beim olympischen Fackellauf, der durch Tibet und auf den Mount Everest führt, Medien vor Ort über die Missstände in Tibet berichten könnten. IOC-Vize Bach nimmt selbst am Fackellauf teil und wurde dafür vom Chef des Sportausschusses des Bundestags, Peter Danckert (SPD), kritisiert.

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