Olympisches Komitee : Jacques Rogge unter Druck

Nicht nur der olympische Fackellauf ist für IOC-Chef Rogge längst zum Spiel mit dem Feuer geworden. In der größten Krise seiner Amtszeit hielt Rogge zu lange still. Nach den Unruhen in Tibet wurde sein Schweigen so laut, dass ihn der öffentliche Druck fast zum Reden zwang.

Sven Busch[dpa]
Jacques Rogge
Angeschlagen: IOC-Präsident Jacques Rogge. -Foto: dpa

PekingDer Herr der Ringe wirkt angeschlagen. Wie ein eingeschüchterter Pennäler mit verschränkten Händen im Schoß saß IOC-Präsident Jacques Rogge in der "Großen Halle des Volkes" neben Chinas Premierminister Wen Jiabao und machte in Peking wieder einmal gute Miene zu den politischen Muskelspielen der chinesischen Olympia-Gastgeber. "Wir glauben, dass unsere Entscheidung, die Spiele nach Peking zu vergeben, richtig war. Die chinesische Regierung hat die Fähigkeit, angemessen mit der Situation umzugehen", sagte der belgische Boss des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) höflich. Die verbalen Streicheleinheiten passen zu seinem Credo der "stillen Diplomatie".

Wie immer an Rogges Seite beim wichtigen Besuch: Sein persönlicher Souffleur Hein Verbrüggen, Präsident der IOC-Koordinierungs-Komission und Ex-Präsident des umstrittenen Radsport-Weltverbandes UCI. Wie gut Rogge von seinem China-nahen Kollegen wirklich beraten wird, ist mehr als fraglich. Nicht nur der olympische Fackellauf ist für Rogge längst zum Spiel mit dem Feuer geworden. In der größten Krise seiner knapp sechseinhalbjährigen Amtszeit hielt Rogge (zu) lange still. Nach den Unruhen in Tibet und Boykott-Diskussionen wurde sein Schweigen so laut, dass ihn der öffentliche Druck fast zum Reden zwang. Bei einem Karibik-Besuch gab er das weiche Statement ab: "Der Boykott würde nichts lösen. Im Gegenteil. Er bestraft nur unschuldige Athleten." Erneut keine klare Positionierung des IOC in der Menschenrechtsfrage. Wieder kein öffentlich sanfter Druck auf die scheinbar beratungsresistenten Olympia-Organisatoren, die unbeirrt ihre Staatsspiele durchdrücken.

Langes Zögern

Auf einmal wehte dem ehemaligen Segler soviel Gegenwind ins Gesicht wie nie zuvor in seiner Regentschaft. Schelte von Spitzenfunktionären, Top-Athleten und Politikern, begleitet von medialer Dauerkritik. "Das ist keine Führungskrise. Ich bin sicher, dass Jacques Rogge weiß, was er tut und er in ständigem Kontakt mit den chinesischen Verantwortlichen steht", sagte das deutsche IOC-Mitglied und der Rogge-Anhänger Walther Tröger. Erst Anfang dieser Woche bezog Rogge Stellung. "Gewalt, in welcher Form auch immer, verträgt sich nicht mit den Werten der Olympischen Spiele. Ich bin sehr besorgt über die internationale Situation, und was in Tibet passiert", kommentierte der 65-Jährige, "das IOC fordert eine schnelle und friedliche Lösung in Tibet." Endlich war es raus - auch wenn sich die chinesischen Olympia-Macher davon herzlich wenig beeindrucken lassen.

Trotz dieser überfälligen Stellungnahme macht Rogge bei der olympischen Woche in Chinas Hauptstadt einen blassen und atemlosen Eindruck. Seine staatsmännische Art, mit der er bei öffentlichen Anlässen meist galant brillierte, hat an Glanz verloren. Knapp vier Monate vor der Eröffnungsfeier hat ihm der olympische Ärger - nicht nur beim Fackellauf - sichtbar zugesetzt. Nach den gewalttätigen Protestaktionen in London und Paris fackelte Rogge erneut fast zu lange und schloss einen vorzeitigen Abbruch der als "Reise der Harmonie" angepriesenen Welttour der Flamme zunächst nicht kategorisch aus. Erst Stunden später versuchte er wenig glaubhaft zu versichern: "Es gibt keine Diskussionen in diese Richtung."

Deutliche Spuren im Gesicht

Statt souverän zu operieren wie bisher, scheint der ehemalige Chirurg auf der Suche nach einem Rezept zu sein. Quo vadis "Mister President"? Das schwer verdauliche Erbe, das ihm sein Vorgänger Juan-Antonio Samaranach 2001 durch die Vergabe der Spiele an Peking eingebrockt hat, hinterlässt auch in Rogges Gesicht immer deutlichere Spuren. "Geht nach Hause und sagt euren Athleten, es werden ihre Spiele", gab er den Vertretern der 205 Nationalen Olympischen Komitees (NOK) mit auf die Heimreise, "es werden tolle Spiele. Wir haben noch 120 Tage Zeit, um erfolgreich zu sein, und das wird uns auch gelingen." Die Athleten sollen mal wieder als Allheilmittel in einer heiklen Situation herhalten, aber überzeugend klang Rogges Plädoyer nicht. Selbst zu seinem Krisen-Bekenntnis musste er intensivst überredet werden.

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