Ombudsfrau Barbara John : Diplomatin im eigenen Land

22 Jahre hat sich Barbara John für die Belange von Ausländern eingesetzt und sich dabei mit ihrer eigenen Partei, der CDU, angelegt. Nun ist sie Vertrauensperson für die Opferfamilien der Neonazi-Mordserie. Eines regt sie immer noch auf: die Haltung, „mit denen reden wir erst gar nicht“.

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Eine Frage des Vertrauens. Barbara John kommt gut an als Ombudsfrau für die Hinterbliebenen der Nazi-Mordopfer. Foto: dapd
Eine Frage des Vertrauens. Barbara John kommt gut an als Ombudsfrau für die Hinterbliebenen der Nazi-Mordopfer. Foto: dapdFoto: dapd

Das Mädchen steht vor der Werkstatt des Vaters, Berlin-Kreuzberg, Moritzplatz, als der klapprige Mercedes im Hof hält. Ein Mann steigt aus, öffnet den Kofferraum und heraus springen zwei Schafe. Der Fremde mit den schwarzen Haaren grinst das blonde Mädchen an und macht mit Blick auf die Tiere eine eindeutige Handbewegung Richtung Kehle. Das Mädchen ist entsetzt, aber es nimmt allen Mut zusammen und ruft: „Wenn Sie das tun, rufe ich die Polizei!“

60 Jahre später sitzt Barbara John, das Mädchen von einst, in ihrem Büro des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, dem sie vorsteht, und lacht. Ihre, wie sie sagt, „erste Begegnung mit einem Ausländer“ solle man nicht mit Symbolik überfrachten, sagt das Lachen. Aber diese Geschichte erzählt doch etwas über ein Thema, das Barbara John zum Lebensmittelpunkt geraten ist: die Angst vor dem Fremden. Auch in ihrer neuen Rolle als Ombudsfrau der Bundesregierung für die Opfer der Neonazi-Mordserie ist das Thema ständig präsent. Nach wie vor, sagt sie, „hat Deutschland ein großes Problem mit allem vermeintlich Fremden, mit Dingen, die nicht unserer Norm entsprechen. Selbst wenn diese Fremden Deutsche sind.“

Wen man auch zu Barbara John befragt, alle erzählen, dass sie vom ersten Moment an das Gefühl hatten, dieser Frau könne man vertrauen. Sie strahle das irgendwie aus, sei geradlinig und herzlich. Manchmal guckt die 74-Jährige aber sehr spöttisch, dann entdeckt man in ihrem Gesicht die Berliner Göre von einst, die, wenn es sein muss, sehr direkt und schonungslos ist. Ihr Talent, in gewissen Situationen die ihr eigene Bescheidenheit mit Ironie und Sarkasmus zu überdecken, hat sie perfektioniert. Es ist eine Warnung: Unterschätzt mich nicht!

22 Jahre hat sie als Ausländerbeauftragte Berlins gearbeitet, von 1981 bis 2003. Sie ist in dieser Zeit eine Grenzgängerin geworden zwischen den Linien einer oft menschenfernen Bürokratie, eine Botin des gesunden Menschenverstandes. Diese Erfahrung bringt sie ein in ihr neues Amt. Als sie kurz vor Weihnachten zusagt, ihre neue Aufgabe zu übernehmen, weiß das Land erst seit ein paar Wochen, dass eine rechte Terrorzelle jahrelang unbeobachtet mordend durch Deutschland zog und nebenher Brandanschläge und Banküberfälle verüben konnte. Neun Menschen mit ausländischen Wurzeln und eine deutsche Polizistin wurden getötet. Deren Familien betreut John nun, „mütterlich“, wie es aus dem Kreis der Hinterbliebenen heißt. Für 70 Angehörige in allen Lebenslagen ist sie da.

John kennt nun Geschichten, die davon handeln, dass Menschen in ihrer Trauer zurückgewiesen worden sind, weil sie angeblich Fremde seien. Man hat ihnen nicht geglaubt.

Die Tochter des ersten Mordopfers etwa, Semiya Simsek, berichtete Barbara John von einem Polizisten, der unbedingt von ihr hören wollte, dass der Mord an ihrem Vater Enver einen Familienhintergrund haben müsse. Schließlich würden sie nur schweigen, weil sie Türken seien, behaupteten die Ermittler. Die Ehefrau eines anderen Opfers wurde erst als Hauptverdächtige stundenlang verhört, dann überließ man sie sich selbst, allein musste sie das Blut und die Gehirnteile ihres toten Mannes wegwischen.

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