Online-Wahlkampf : @Bürger: Partizipieren

In diesem Wahlkampf sind Politiker aktiv im Netz wie nie. Darüber, ob und wie mit Facebook, Twitter und YouTube Menschen für Politik gewonnen werden können, sprach Tagesspiegel.de mit der Politikwissenschaftlerin Andrea Römmele.

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Andrea Römmele ist Professorin an der International University Bruchsal.Foto: privat

Frau Römmele, eines der Bücher, die Sie herausgegeben haben, trägt den Titel „Electronic Democracy“. Was verstehen Sie darunter?



Der Begriff umschreibt, wie sich die technische Errungenschaft Internet auf die Politik ausgewirkt hat. Die Überwindung von Raum und Zeit steht hierbei im Mittelpunkt. Auch der Dialog innerhalb von politischen Organisationen hat sich völlig verändert. Das habe ich versucht, mit dem Begriff „Electronic Democracy“ auszudrücken.

Welche neuen Kommunikations- und Austauschformen haben Sie denn in diesem Wahlkampf beobachtet?

Das Neue in diesem Wahlkampf sind sicherlich die sozialen Netzwerke, Twitter und YouTube. 2005 gab es schon sehr viele Websites von Kandidaten und Parteien, aber dieser Wahlkampf ist ein Web-2.0-Wahlkampf, in dem sehr viele interaktive Elemente eine Rolle spielen.

Sie haben sich ja auch mit dem letzten amerikanischen Wahlkampf intensiv beschäftigt. Konnten die deutschen Wahlkämpfer von 2009 da schon mithalten?

Wir sollten uns nicht primär mit den USA vergleichen, unser Referenzwahlkampf ist zunächst einmal der deutsche Wahlkampf 05 und seitdem hat sich unheimlich sehr viel getan.
Was den Vergleich mit dem Obama-Wahlkampf angeht, gibt es meiner Meinung nach einen ganz zentralen Unterschied. Im Obama-Wahlkampf spielte das Internet für die Organisation der Partizipation eine ganz zentrale Rolle. Es gab unzählige Angebote, im Wahlkampf mitzumachen, den Oonline- mit dem oOffline-Wahlkampf zu verbinden. Das ist bei uns noch nicht ausgereift.

Aber auch die deutschen Online-Wahlkämpfer rufen ja über das Internet dazu auf, sie zu unterstützen.

Wenn man sich die Ergebnisse der empirischen Partizipationsforschung anschaut, dann sieht man, dass sich Bürger dann engagieren, wenn man ihnen eine konkrete Aufgabe gibt. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Bürger bei der Übertragung einer konkreten Aufgabe (z.B. Wahlkampfbroschüren verteilen) mitmachen, ist sehr viel größer als bei einem unspezifischen Aufruf. Man muss den Bürgern klar sagen, was sie machen sollen. Und das ist Obama sehr viel besser gelungen als es jetzt bei uns der Fall ist.

Wenn man es richtig macht, ist die Hoffnung aber begründet, dass man mit einem Online-Wahlkampf mehr Menschen mobilisieren kann, als mit herkömmlichen Strategien?

Ja. Sie erreichen andere Wählergruppen, vor allem die jungen Wähler. Wichtig ist, dass durch die Kommunikation in sozialen Netzwerken Politik in den Alltagschat eingespeist wird. So gelangen  Informationen auch zu denjenigen Wählern, die sich ansonsten nicht oder nur wenig für Politik interessieren. Auch die Vervielfältigungsfunktion der sozialen Netzwerke darf man nicht vergessen. Selbst wenn Sie selbst sich nicht für Politik interessieren und darüber chatten oder Informationen verbreiten, macht das vielleicht jemand anderes in ihrem Netzwerk. Es reicht, wenn nur wenige in einem Netzwerk politische Themen einbringen, um alle damit zumindest beiläufig zu konfrontieren. Unterschieden werden muss aber generell zwischen Mobilisierung, also jemanden dazu zu bewegen zur Wahl zu gehen, und echter Partizipation, also ob ich Menschen online dazu bewege, sich offline zu engagieren.

Und funktioniert das auch?

Für den Wahlkampf 2009 stehen die Zahlen noch aus. 2005 hat es ganz gut funktioniert, da gab es das TeAM Angela Merkel und die roten Wahlmannschaften. Natürlich war das noch nicht vergleichbar mit den USA. Aber auf lange Sicht ist denkbar, dass Onlinekommunikation diejenige Kommunikation ersetzt, die den Parteien aufgrund sinkender Mitgliedzahlen und schwindender Ortsverbände an der Basis immer mehr fehlt.

Obama hat das Netz auch genutzt, um Spenden zu generieren. Gelingt das in Deutschland?

In den USA gibt es einfach eine ganz andere Spendenkultur als wir sie in Deutschland haben. In den USA ist Spenden etwas Alltägliches, egal, ob das in der Kirche ist, im Kindergarten oder in der Politik. Die USA kennen auch keine staatliche Parteienfinanzierung wie die unsere. Bei uns ist es erheblich schwieriger, Spenden zu generieren und im Netz wahrscheinlich noch schwieriger.

Obama hatte seine Netzkontakte sehr langfristig aufgebaut. In Deutschland bereiten die meisten Parteien ihren Online-Wahlkampf erst seit Anfang des Jahres vor. Funktioniert die Vernetzung im Internet überhaupt so kurzfristig?

Es gibt wenige goldene Regeln im Wahlkampf, aber eine gilt immer und die lautet: Man kann nie früh genug anfangen. Trotzdem ist das nicht vergleichbar. Obama musste überhaupt erst einmal bekannt werden und auch Spenden für den Vorwahlkampf eintreiben. Das sind Schwierigkeiten, die die deutschen Parteien nicht überwinden müssen, ich würde von daher nicht sagen, dass zu spät begonnen wurde.

Wer macht im Wahlkampf 09 eine gute Figur im Netz?

Keine Partei macht hier eine wirklich schlechte Figur. Die Grünen machen einen ganz guten Webwahlkampf, was natürlich auch daran liegt, dass sie die webaffinste Zielgruppe haben. Als kleine Partei mit weniger finanziellen Ressourcen und mit weniger Medienaufmerksamkeit sind sie aber regelrecht gezwungen, auch auf das Internet auszuweichen.

Lohnt sich vielleicht der Online-Wahlkampf für eine weniger jugendliche Partei wie die CDU gar nicht?

Doch, auf die Erstwähler und die jungen Wähler kann niemand verzichten. Und es geht natürlich auch darum, Journalisten zu erreichen, die ja ebenfalls einen großen Teil ihrer Informationen über das Netz beziehen. Man muss immer mithalten. Und gerade die Videobotschaften der Kanzlerin finde ich sehr gelungen.

Warum?

Ich finde sie relativ authentisch. Oder zumindest gelingt es den Machern, sie nicht so überprofessionell wirken zu lassen.

Ist das ein Erfolgsgeheimnis des Online-Wahlkampfes, dass Politiker in YouTube-Videos, die mit der Handkamera gedreht werden, einfach echter wirken als auf Plakaten oder im Fernsehen?

Ja, auf jeden Fall. Ein gutes Beispiel ist der hessische Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel, der Anfang des Jahres in einem YouTube-Video seine Anliegen erklärt hat. Dieses Video kam sehr handgestrickt daher und war gerade deshalb erfolgreich. Die ersten Pressereaktionen waren sehr abwertend, aber im Laufe der Medienwoche drehte sich das Bild und das Video wurde sehr positiv besprochen, gerade weil es etwas Hemdsärmeliges hatte. Das Authentische wird gewollt. Einer Ihrer Kollegen hat Angela Merkel im TV-Duell als „überschminkt“ beschrieben. Dieser Begriff hat mir sehr gut gefallen. Die Leute können das „Überschminkte“, um im Bild zu bleiben, nicht mehr sehen. Durch die Professionalisierung aller Beteiligten gleichen sich die Kandidaten auch immer mehr.

Gerade Spitzenpolitiker aber produzieren ja ihre Blogs oder Facebook-Einträge gar nicht immer selbst. Dem Wähler wird suggeriert, er kommuniziere mit einem Einzelkandidaten, aber letztlich ist es doch einedie Wahlkampfmaschine, die dahinter steht. Finden Sie das nicht problematisch?

Es ist richtig, dass die Authentizität mancher Beiträge eine scheinbare ist. Allerdings finde ich es in einem politischen System, in dem Kandidaten in der Regel auch für das Programm einer Partei stehen, vertretbar, wenn Parteimitarbeiter deren Außendarstellung mitgestalten.

Spielt Inhaltsvermittlung im Online-Wahlkampf eine untergeordnete Rolle?

So pauschal lässt sich das nicht sagen. Gerade kleine Parteien wie die Grünen oder die Piratenpartei, die Schwierigkeiten haben, ihre Inhalte in den Medien zu platzieren, sind auf neue Wege angewiesen. Man muss also zumindest zwischen den Parteien unterscheiden.

Mal abgesehen vom Wahlkampf: Ist das Internet dazu geeignet, die Partizipation und das politische Interesse zu erhöhen?

Gerade um die Jahrtausendwende wurde das Internet in der Wissenschaft als ein Medium angesehen, das die Kluft zwischen denen, die partizipieren und denen, die nicht partizipieren, noch größer werden lässt. Diejenigen, die ohnehin partizipieren, so war die Beobachtung, tun das auch über das Internet. Und diejenigen, die sich nicht für Politik interessieren, werden auch durch die neuen Medien nicht aktiv. Inzwischen verschiebt sich das, vor allem auch durch die sozialen Netzwerke. Außerdem ist in den letzten zehn Jahren die Anzahl derer, die das Internet nutzen, enorm gestiegen. Daher ist die Kluft heute nicht mehr so deutlich. Man darf aber auch nicht vergessen, dass das Internet lediglich ein Medium ist. Strategien zu entwickeln, die Leute für sich zu gewinnen und Inhalte zu produzieren, die die Bürger interessieren, bleibt Aufgabe der Politiker. Es gilt, die Bürger abzuholen.

Was ist Ihre Prognose, was mit den vielen Online-Auftritten von Parteien und Kandidaten nach der Wahl passiert?

Das wird sicherlich deutlich weniger werden. Ich gehe davon aus, dass die zentralen Webseiten natürlich weiter gepflegt werden, aber viele andere Aktivitäten einschlafen. Der Wahlkampf ist ja dann vorbei.  Aus meiner Sicht ist der beste Wahlkampf ein nachhaltiger Wahlkampf. Es muss etwas davon übrig bleiben, seien es mehr Parteimitglieder oder mehr Interessenten oder einfach mehr Menschen, die auch nach der Wahl über Politik diskutieren. Bei Obama ist der Kontakt zu den Interessenten nie abgerissen, dadurch ist der Wahlkampf zu einer sozialen Bewegung geworden.

Andrea Römmele ist Professorin für Communication and Media Management an der International University Bruchsal. Zu ihren Forschungsaktivitäten gehören Wahlkampfforschung und die Beschäftigung mit Politikberatung. Mit neuen Formen direkter Kommunikation zwischen Politikern und Wählern hat sie sich unter anderem in einer vergleichenden Studie zu Deutschland und den USA beschäftigt: Direkte Kommunikation zwischen Parteien und Wählern. Professionalisierte Wahlkampftechnologien in den USA und der BRD. Wiesbaden 2005.
Das Gespräch führte Anna Sauerbrey

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