Politik : Opec-Prozess: Emotionaler Zeugenauftritt

Der grüne Europa-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit hat mit einem emotionalen Zeugenauftritt im Frankfurter OPEC- Prozess den Angeklagten Hans-Joachim Klein und Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) in Schutz genommen. Der des dreifachen Mordes angeklagte Hans-Joachim Klein sei von führenden Mitgliedern der "Revolutionären Zellen" (RZ) in den Terrorismus hineingezogen worden, sagte der 55 Jahre alte Ex-Studentenführer am Donnerstag vor dem Frankfurter Landgericht. Zu Joschka Fischers Rolle in einem linksradikalen Schlägertrupp im Frankfurt der 70er Jahre, dem auch Klein angehört hatte, sagte Cohn-Bendit aber unter Hinweis auf die bevorstehende Befragung des Außenministers nichts.

Cohn-Bendit blieb bei seiner Darstellung, dass sich Klein kurz vor seiner Festnahme in der Normandie im Jahr 1998 hatte stellen wollen. Dazu habe es über ihn auch mehrere Kontakte zum Aussteigerprogramm des Bundesverfassungsschutzes gegeben. Bei der Schilderung der letzten Gespräche mit Klein zu diesem Thema brach der Zeuge in Tränen aus, so dass die Sitzung unterbrochen werden musste. Zu Fragen nach seiner Unterstützung Kleins in der Illegalität wollte Cohn-Bendit wegen eines noch offenen Ermittlungsverfahrens wegen Strafvereitelung nicht antworten. Klein hatte sich nach dem Attentat vom Dezember 1975 öffentlich vom Terrorismus losgesagt und war dann für über 20 Jahre in Frankreich untergetaucht.

Klein habe nach dem Anschlag eine große Scham empfunden und den Schaden unbedingt wieder gutmachen wollen. Kleins öffentliche Warnungen vor geplanten Anschlägen auf hohe Vertreter der Juden in Deutschland seien für ihn absolut glaubwürdig gewesen, meinte Cohn-Bendit. Mit seinem Buch "Rückkehr in die Menschlichkeit" habe sich Klein zudem zum "politischen Kronzeugen" des internationalen Terrorismus gemacht. Seine Angst vor Racheakten sei absolut berechtigt gewesen, da der Wiener Kommando-Führer "Carlos" und auch die RZ ihm nach dem Leben getrachtet hätten. Diese hätten verhindern wollen, dass er die Identität der Terroristin Gabriele Kröcher-Tiedemann alias "Nada" preisgibt.

Der frühere Herausgeber der Frankfurter Sponti-Zeitschrift "Pflasterstrand" schilderte den in der Szene als "Klein-Klein" bekannten Lehrabbrecher als einerseits außergewöhnlich zärtlichen und gleichzeitig harten und aggressiven Menschen. Klein sei eine zerrissene Persönlichkeit mit zwei Seiten. "Sein radikales Gehabe ging mir auf die Nerven." Klein habe sich mit den Leidenden der Welt überidentifiziert und sich daher für die Schwarzen in den USA, die vietnamesischen Rebellen und die Palästinenser engagiert. "Klein hat versucht, gleichzeitig in der Welt der Guerilla und in Frankfurt-Bockenheim zu leben.

Die beiden Führungsfiguren der RZ, Wilfried Böse und Johannes Weinrich, hätten Kleins emotionale Strukturen ausgenutzt. "Die haben ihm eine James-Bond-Welt angeboten." An der Seite des Wiener Kommando-Führers "Carlos" habe man in der Welt der arabischen Geheimdienste etwas gegolten.

Er selbst habe das Abgleiten Kleins in den Terrorismus als persönliche Niederlage empfunden, sagte Cohn-Bendit. "Das ist unsere Schuld: Er hatte bei uns keine Heimat mehr." Aufgrund seiner kritischen Einstellung gegenüber den Militanten sei er in der Frankfurter Szene und auch von Klein scharf angegriffen und als "Schwein" tituliert worden. Den gemeinsam mit Klein angeklagten Rudolf Schindler kenne er nur vom Sehen und wisse nichts über dessen RZ-Vergangenheit.

Die Anklage in dem Prozess wirft dem 52-jährigen Klein im Zusammenhang mit dem OPEC-Anschlag mit drei Todesopfern Mittäterschaft beim dreifachen Mord und dreifachen Mordversuch vor. Der 57-jährige Schindler ist wegen Anstiftung Kleins zur Teilnahme an dem Anschlag angeklagt.

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