Politik : Operation Petersilie

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Von Ralph Schulze, Madrid

Der Gegenangriff kam im Morgengrauen. Der Wind stürmte so heftig, dass der „Feind“ die aufheulenden Motoren erst im letzten Moment hörte. Schon schwebten drohend fünf Hubschrauber der spanischen Luftwaffe über der Insel, setzten schwer bewaffnete Elitekämpfer ab. Noch ehe die sechs marokkanischen Soldaten auf dem Eiland sich den Schlaf aus den Augen reiben konnten, sahen sie auch schon in die Läufe der Schnellfeuergewehre des spanischen Weck-Kommandos. „Wir haben alles unter Kontrolle“, funkte der Kommandeur, „es ist kein Schuss gefallen“, und rammte dann die spanische Fahne in den trockenen Boden. „Operation Petersilie“ ist erfolgreich beendet.

Das einwöchige marokkanische Zeltlager auf der Insel Perejil (Petersilie), das Spanien zur Weißglut und auch die Europäische Union und die Nato zu besorgten Depeschen veranlasst hatte, wird um 6.17 Uhr am Mittwochmorgen durch Spaniens Militär geräumt. Die Fahnen des marokkanischen Königreiches, deren Stangen wie Stacheln im von Spanien beanspruchten Territorium steckten, wurden eingerollt; die sechs Soldaten, die im Auftrag des marokkanischen Königs Mohammed VI. auf dieser einsamen Insel einen „Beobachtungsposten“ errichtet hatten, ohne Gegenwehr gefangengenommen. Später wurden die Gefangenen Marokko übergeben.

Spaniens Armada

Für alle Fälle kreuzen spanische Kriegsschiffe bis auf weiteres vor der nordafrikanischen Küste. Sie sorgen dafür, dass die marokkanische Marine sich dem „zurückeroberten“ Petersilien-Felsen nicht mehr nähern kann. Kampf-Jets und Radar-Überwachungsflugzeuge sichern den Luftraum – man weiß ja nie. Sogar einige spanische Zivilflughäfen, wie etwa Melilla, Jerez und Malaga, wurden vorübergehend geschlossen, um die großflächige Militäroperation der spanischen Armada nicht zu stören. Das spanische Königreich, das seit 500 Jahren seine Besitzungen an der nordafrikanischen Küste verteidigt, wehrte gestern ein weiteres Mal mit Waffengewalt arabische Territoriums-Gelüste ab.

„Eine total saubere Operation, ohne Schäden und Verluste“, triumphiert Spaniens Verteidigungsminister Federico Trillo Stunden später im Parlament in Madrid. Er kündigt an, dass nun ein Trupp der spanischen Fremdenlegion auf dem Petersilien-Felsen Posten beziehen, die Fahne ihres obersten Chefs, König Juan Carlos I., bewachen und notfalls auch verteidigen werde. Das Insel-Zeltlager bleibt also erhalten, wenn auch mit anderer Besatzung. Jedenfalls solange, ergänzt Außenministerin Ana Palacio, bis Marokko den bisherigen „Status quo“, also den spanischen Besitzanspruch, anerkennt.

Nach Entspannung sieht es freilich nicht aus, nachdem marokkanische Politiker von „Kriegserklärung“ sprachen, und die Regierung in Rabat den „sofortigen Rückzug der spanischen Truppen“ forderten. Die neue spanische Mini-Garnison vor der marokkanischen Küste wird sich auf einen längeren Aufenthalt auf der Insel einrichten müssen, auf der sich seit Jahrzehnten nur Ziegen an der nahrhaften Petersilie schadlos hielten. Den Ziegen wird es egal sein, ob sie ihre Insel mit spanischen oder marokkanischen Soldaten teilen.

Auch die spanischen Kriegsschiffe werden sich zunächst kaum aus der Krisen-Zone zurückziehen. In den übrigen spanischen Besitzungen an der nordafrikanischen Küste wurde der Militärschlag unterdessen mit Hochrufen gefeiert. Die Menschen in den Festungsstädten Ceuta und Melilla scharten sich um Radio-Empfänger und verfolgten aufgeregt die neusten Nachrichten: Die rund 130 000 Einwohner der beiden Städte waren in den letzten Tagen zunehmend nervös geworden und hatten befürchtet, dass Marokko auf der Insel Petersilie schon einmal im Kleinen übte, um irgendwann in ihre Kolonien einzumarschieren.

Der spanische Militäreinsatz sei auch deshalb „der einzige Ausweg“ gewesen, sagte das politische Oberhaupt Melillas, Juan Jose Imbroda, um die „marokkanische Verhöhnung“ zu beenden.

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