Operationen im Klinikum : Teure Bagatellen

Ob Meniskus, Leistenbruch oder Nasenscheidewand: Für viele Operationen ist aus medizinischen Gründen längst kein stationärer Aufenthalt mehr nötig, sie könnten ambulant erfolgen – doch Patienten und Kliniken sperren sich.

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Angst vor leeren Betten. Die Kliniken, im Bild die Charité in Berlin, fürchten um ihre Auslastung, wenn künftig verstärkt ambulant operiert wird. Foto: ddp
Angst vor leeren Betten. Die Kliniken, im Bild die Charité in Berlin, fürchten um ihre Auslastung, wenn künftig verstärkt ambulant...Foto: ddp

BerlinDie Deutschen sind konservativ und ängstlich, sie lassen sich immer noch weit häufiger als Patienten vergleichbarer Länder zu Bagatelleingriffen ins Klinikum überweisen – und verschleudern dadurch Millionensummen.

Gut eine halbe Milliarde Euro ließen sich durch die konsequente Förderung ambulanter Eingriffe einsparen, lautet das Ergebnis eines Gutachtens, das der Bayreuther Gesundheitsökonom Peter Oberender am Montag in Berlin präsentierte. Das sei noch vorsichtig geschätzt, betonte der Wissenschaftler, denn bei den 515 Millionen Euro habe man lediglich die Kostendifferenz bei 25 besonders häufigen Operationen berücksichtigt.

Gleichzeitig ergab eine Studie der Münchner Ludwig- Maximilians-Universität, dass der Kostenvorteil keineswegs mit gesundheitlichen Risiken erkauft werden muss. Nur in jedem hundertsten Fall gab es demnach Komplikationen, die eine Nachbehandlung im Krankenhaus erforderlich machten. Und fast alle Befragten, die ambulant unters Messer kamen, zeigten sich im Nachhinein mit der Qualität ihres Eingriffs hoch zufrieden.

Die Ergebnisse überträfen „sogar noch die Erwartungen“, sagte der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Köhler. 97,5 Prozent der Patienten bewerteten ihre ambulante OP mit den Noten „sehr gut“ oder „gut“. 95,5 Prozent würden sich wieder einem ambulanten Eingriff unterziehen. 90,8 Prozent fühlten sich über Vorteile und Risiken der Operation aufgeklärt. Und 94,9 Prozent gaben an, sich auch nach dem Eingriff zu Hause ausreichend betreut gefühlt zu haben.

Dass Deutschland im internationalen Vergleich beim Anteil ambulanter Operationen dennoch „nicht mithalten kann“, liegt aus der Sicht von Bayerns KV-Chef Axel Munte vor allem an fehlender Information. Deshalb sollen die Studien nun an alle Arztpraxen verschickt werden – in einfacher Fassung für Patienten und in ausführlicherer für die Mediziner. Viele Patienten fürchteten etwa, bei ambulanten Eingriffen nicht ausreichend betäubt oder in den Tagen danach mit dem Schmerz allein gelassen zu werden, sagte der Chirurg Axel Neumann vom Bundesverband für Ambulantes Operieren. Auch Hausärzte wüssten oft nicht genug über ambulante Alternativen und deren Qualität. Außerdem sei es nachvollziehbar, dass Kliniken das ambulante Operieren nicht förderten, solange es schlechter vergütet werde.

Die dafür geeigneten Eingriffe erfolgen hierzulande nach KBV-Angaben nur zu knapp über 60 Prozent. In den USA liege der Anteil bei mehr als 80 Prozent. Besonders krass ist der Rückstand bei Operationen von Meniskusschäden am Kniegelenk. Zu 90 Prozent würden diese in anderen europäischen Ländern bereits ambulant operiert, berichtete Neumann. In Deutschland liege die Quote gerade mal bei 32,5 Prozent – und das bei einer möglichen Ersparnis von 290 Euro pro Fall. Allein bei Meniskusoperationen komme man somit auf ein jährliches Sparpotenzial von bis zu 38,9 Millionen Euro.

Der Katalog der für ambulante Eingriffe empfohlenen Indikationen müsse dringend erweitert werden, forderte KBV-Chef Köhler. Zu den bisherigen 560 Positionen müsse man weitere 400 hinzunehmen. Bislang sei dies allerdings am Widerstand der Krankenhäuser gescheitert. Künftig sollten diese zumindest die Notwendigkeit einer stationären Bagatelloperation begründen müssen, meinte der Gesundheitsökonom Oberender.

Gleichzeitig müsse die Vergütung für ambulante Operationen steigen, drängte Köhler. Damit sie kostendeckend seien, müssten die Krankenkassen den Chirurgen pro Jahr 70 Millionen Euro mehr zur Verfügung stellen. Und auch für die „postoperative Betreuung“ bedürfe es besserer Anreizstrukturen. Beides schmälere dann zwar die Kostenersparnis wieder etwas, zahle sich mittelfristig aber allemal aus. In Zeiten knapper Kassen müsse es „in unser aller Interesse sein, mit den Ressourcen schonend umzugehen“, so sein bayerischer Kollege Axel Münte. „Deshalb appellieren wir an Politik und Krankenkassen, das ambulante Operieren stärker zu fördern.“

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