Politik : „Operationen mit dieser Sterblichkeit würden verboten“

Klaus Dörner hält nichts von Heimen. Weil die Menschen sie auch nicht mögen, sagt er. Die Alternative: der dritte Sozialraum

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Sie fordern die Abschaffung aller Altenheime. Warum?

Nicht sofort natürlich. Aber wir müssen uns darauf einstellen, dass wir den Ausstieg aus dem Heimsystem zu betreiben haben. Aus zwei Gründen: Umfragen zufolge wollen die Menschen immer weniger ins Heim. Und bei dem explosiv wachsenden gesamtgesellschaftlichen Hilfebedarf, aufgrund des demografischen Wandels, ist das Altenheimsystem, wenn wir es weiter so in Anspruch nehmen, bis 2030 restlos unbezahlbar geworden.

Aber steigt nicht, gerade wegen immer mehr Single-Haushalten und Demenzkranken die Nachfrage nach Heimplätzen?

Die Wirtschaftsinstitute werden den Investoren mit dieser Begründung natürlich weiter raten, Heime zu bauen. Aber es ist doch unübersehbar, dass der Widerstand dagegen wächst. In manchen Regionen gibt es bereits Leerstände.

Warum wollen denn die Menschen nicht mehr ins Pflegeheim?

Kein Mensch ist dafür geboren, in einem Heim zu leben, keiner kann sich das wünschen. Bisher gab es nur keine Alternative. Außerdem hatten die Heime früher eine andere Zusammensetzung. Es gab eine „gesunde Mischung“, also ein Nebeneinander von fitten und weniger fitten alten Menschen. Die einen haben etwas für die anderen getan, deshalb war man auch relativ zufrieden. Diese alte Heimkultur ist aber völlig zerschlagen.

Wie ist es denn jetzt?

Inzwischen sind die Menschen zum Zeitpunkt der Heimaufnahme im Schnitt 85 Jahre alt. Die meisten sterben schnell, und die Pflegekräfte haben nicht mal die Zeit, zu ihnen eine Beziehung aufzubauen. Aber auch früher schon starben rund 20 Prozent allein am Tatbestand der Heimaufnahme. Jede chirurgische Operation, die eine solche Sterblichkeit hätte, würde verboten. Wir haben das, seit es Heime gibt, in Kauf genommen.

Was ist die Alternative? Einsam zu Hause zu sitzen, mit dem Alltag überfordert zu sein und auf den Schlaganfall zu warten?

Sie beschreiben das alte, das duale System. Entweder eigene vier Wände oder Heim. Das hatte 100 Jahre Bestand, von 1880 etwa bis 1980. Inzwischen haben die Bürger aber längst angefangen, nach dritten Wegen zu suchen. Die Alternative ist der dritte Sozialraum.

Was soll das sein?

In allen Menschheitskulturen gab es einen Sozialraum zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen. Es war das Leben in Nachbarschaft. Nur wir in Europa dachten seit der Industrialisierung, dass wir ohne dieses Miteinander auskämen. Jetzt merken wir, dass es nicht geht. Dass alles, was Hilfe und Integration betrifft, in diesem Raum gefühlter Nachbarschaft stattfinden muss – also in einer Größenordnung etwa zwischen einer Grundschule und zwei Kirchengemeinden. So hat man die Familienpflege wiederentdeckt: Man bringt Pflegebedürftige in Familien unter, die ein paar Räume zu viel haben, aber zu wenig Geld zum Leben. Es gibt die große Bewegung des generationenübergreifenden Siedelns – mit dem Versprechen wechselseitiger Hilfe in Krankheit, Alter und Not. Und es entstanden ambulante Wohnpflegegruppen. Allein in Berlin gibt es davon bereits 100 bis 200.

Das alles setzt auf soziales Engagement, Altruismus, Mitmenschlichkeit …

Zunächst setzt es nur darauf, dass es Interessenten gibt. Menschen, die ihre Angehörigen nicht allein pflegen können, aber Schuldgefühle hätten, wenn sie sie ins Heim gäben. Um keine Schuldgefühle zu haben, würden sie sich gerne engagieren, sagen wir zu 30 oder 40 Prozent. Man tut sich also zusammen, sucht sich eine Wohnung, am besten Parterre, macht einen Durchbruch, wenn sie zu klein ist, engagiert einen ambulanten Pflegedienst. Und wenn sich das bei den Nachbarn rumspricht, engagieren die sich meist von selber.

Mit der Pflegereform soll ambulante Hilfe zumindest aufgewertet werden. Das ist doch schon ein schöner erster Schritt, oder?

Das ist Quatsch. Die Aufwertung des Ambulanten wurde schon 1961 gesetzlich festgeschrieben. Alle Träger, die im sozialen Bereich die Macht haben, haben sich darüber kaputtgelacht – und dem nie Rechnung getragen.

Aber kann man die Heimpflege nicht verbessern statt sie ganz abzuschaffen?

Wie soll das gehen, wenn die Menschen immer kürzer da sind? Selbst wenn man die doppelte Menge Geld reinsteckt, bringt es nichts. Es ist trostlos, eine kurze Strecke gemeinsamen Sterbens. Und das, wo alle Umfragen zeigen: Die Menschen wollen zu Hause sterben. Vor 30 Jahren ging man noch ganz gern ins Heim, es hatte eine gewisse Attraktivität. Die hat aber permanent nachgelassen.

Und man kann sie nicht wiederherstellen?

Das Rad der Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen. Das hängt auch mit der Individualisierung zusammen. Das Heim entwickelt sich zum Auslaufmodell.

Aber Spezialistentum gehört doch auch zur modernen Gesellschaft – und es bringt vielen Menschen Vorteile.

Man muss wegkommen davon, schon wegen des steigenden Hilfebedarfs. Die großen Einrichtungen wachsen uns über den Kopf, wir kriegen sie nicht mehr bezahlt. Und kleinräumig organisierte Hilfe heißt, auf Spezialistentum verzichten. In den Wohngruppen leben nicht nur Alterspflegebedürftige und Demente, sondern auch Unfallopfer, Schlaganfallpatienten, Behinderte. Also alles, was in der Nachbarschaft pflegebedürftig ist. Keine Monokultur, sondern ein buntes Gemisch, man kann sich gegenseitig helfen. Gerade deshalb sind die Gruppen ja so attraktiv.

Für solches Engagement braucht es vor allem eines: Zeit. Die aber ist kostbar geworden. Die Menschen heute sind viel mehr unterwegs, viel weniger verwurzelt.

Die Zahl der berufsbedingt mobilen Menschen beträgt je nach Region nur 20 bis 30 Prozent, und sie nimmt ab. Es gibt ja immer weniger Erwerbsarbeit. Im Gegenzug haben immer mehr Menschen zu viel sinnfreie Zeit, sie leiden daran, gerade im dritten Lebensalter. Millionen dieser Menschen, meist in gnadenloser Gesundheit, sitzen dumm herum und wissen nicht, wofür sie da sind. Sie sind dringend angewiesen auf Rollenerwartungen der Restgesellschaft. Etwa, dass ihnen jemand sagt: Engagiere dich mal in deiner Nachbarwohngruppe. Das ist die Voraussetzung dafür, dass man die restliche Zeit wieder selbstbestimmt genießen kann.

Das setzt in den Köpfen aber ein gewaltiges Umdenken voraus.

Das Umdenken gibt es längst. Seit 1980 ist die Zahl der Freiwilligen permanent gestiegen. Es gibt mehr Nachbarschaftsvereine, die Hospizbewegung ist entstanden mit 100 000 Engagierten, die Aids-Bewegung hat uns gezeigt, dass man auch schwierigste Pflege in den eigenen vier Wänden organisieren kann, wenn man wirklich will. Es gibt das generationenübergreifende Siedeln, die Familienpflege, das Stiftungswesen boomt. Und die 70 Prozent der von ihrer Familie gepflegten Alten sind seit 1980 auch stabil geblieben trotz verschlechterter Bedingungen.

Alles würde gut, wenn es die böse Lobby der Altenheimbetreiber nicht gäbe?

Die gibt es nur, solange sie unterstützt werden und das alte Heimsystem noch in den Köpfen sitzt. Ich vergleiche das mit einem Tanker. Er fährt noch in die alte Richtung, obwohl die Motoren im Maschinenraum längst auf Gegenkurs gesteuert sind.

Das Interview führte Rainer Woratschka.

Literatur zum Thema: Klaus Dörner: Leben und sterben, wo ich hingehöre. Paranus-Verlag, Neumünster, 2007.

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