Politik : Opfer war als Journalist tätig - In zehn Jahren wurden 21 Publizisten ermordet

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Bei Nieselregen verließ der türkische Journalist Ahmet Taner Kislali am Donnerstag morgen zum letzten Mal seine Wohnung in einem Vorort der Hauptstadt Ankara und schloss seinen silbergrauen Audi auf, um zur Arbeit zu fahren. Weil auf dem Kühler des Wagens eine Tüte lag und die Sicht durch die Windschutzscheibe blockierte, stieg er noch einmal aus und griff nach dem Paket. Im selben Moment explodierte die darin versteckte Rohrbombe - ferngezündet von dem Attentäter, der nach Einschätzung der Polizei in Sichtweite gelauert haben muss. Der linke Arm des Journalisten wurde sofort abgerissen, sein Körper von Splittern durchsiebt. Als der 60-jährige wenig später in einen Rettungswagen gehoben wurde, war er bereits klinisch tot. Im Krankenhaus konnte nach vergeblichen Wiederbelebungsversuchen nur noch sein Tod festgestellt werden.

In Windeseile versammelten sich vor dem Krankenhaus Hunderte von Menschen - Journalisten, Studenten, Politiker und geschockte Bürger. Ministerpräsident Bülent Ecevit weinte vor laufenden Kameras, Jugendliche brachen zu einem spontanen Schweigemarsch auf. Kislali war ein geachteter Professor der Politikwissenschaften, langjähriges Mitglied der liberalen Republikanischen Volkspartei, Ex-Kulturminister, erfolgreicher Buchautor - und eben Kolumnist bei der Tageszeitung "Cumhuriyet", die unter fast identischen Umständen schon einmal einen prominenten Leitartikler verlor: Der Reporter und Kommentator Ugur Mumcu starb am Morgen des 24. Januar 1993 vor seinem Haus in Ankara, als er den Zündschlüssel seines Autos umdrehte und die unter der Kühlerhaube deponierte Bombe auslöste.

Zwar sind Mordanschläge auf Journalisten in der Türkei keine Seltenheit - in den vergangenen zehn Jahren fielen nach einer Zählung des Pressefreiheitsverbandes "Reporter ohne Grenzen" 21 Journalisten Anschlägen zum Opfer. Der bis heute ungeklärte Mord an Ugur Mumcu ist den Türken aber zu einem Symbol dafür geworden, dass in ihrem Staat finstere und unkontrollierte Mächte am Werke sind. Noch immer gehen an Mumcus Todestag alljährlich Zehntausende im ganzen Land auf die Straße, um die Ergreifung der Schuldigen zu fordern; wahre Berge von Blumen werden an jedem 24. Januar an den Gedenksteinen niedergelegt, die dem Journalisten in allen größeren Städten errichtet wurden. Das Attentat auf Kislali riss die Wunde nun wieder auf.

Aus der Armee sickerten zwar unbestätigte Angaben durch, wonach sich eine islamisch-fundamentalistische Extremistengruppe zu dem Anschlag bekannt habe.

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