Opferentschädigung : Odenwaldschule stürzt wegen Missbrauchs ins Chaos

Eigentlich hatte die Odenwaldschule eine zügige finanzielle Entschädigung ihrer Missbrauchsopfer angekündigt. Doch darüber kam es zum Streit - die Führungsspitze schmiss daraufhin überraschend hin.

Der Streit über die Entschädigung ihrer inzwischen 125 Missbrauchsopfer hat die Odenwaldschule im südhessischen Heppenheim in ein Führungschaos gestürzt. Nur ein halbes Jahr nach ihrer Wahl legten die für einen rigorosen Neuanfang stehenden Vorstands-Spitzen Johannes von Dohnanyi und Michael Frenzel am Sonntag bei einer Sitzung überraschend ihre Ämter nieder. "Es ist nicht mehr um Sachfragen gegangen, sondern um Polemik und Streit", sagte von Dohnanyi zur Begründung. Beide hätten ihren Rückzug gleich zu Beginn verkündet und das Treffen schon nach knapp einer Stunde wieder verlassen. Was nun werden soll, sei unklar. Opfer-Anwalt Thorsten Kahl nannte das Verweigern von Entschädigung "Zynismus pur".

Frenzel als Vorsitzender des Vorstandes und von Dohnanyi als dessen Sprecher hatten sich von Anfang an für eine zügige finanzielle Anerkennung des Leids eingesetzt. Für sie war dies eine unbedingte Voraussetzung für einen Neuanfang. Noch für dieses Jahr war ein sechsstelliger Betrag angekündigt worden. Die Missbrauchsfälle liegen schon Jahrzehnte zurück und gelten als verjährt. Im Zentrum des Skandals stand der inzwischen gestorbene ehemalige Schulleiter Gerold Becker.

Hoffnungen auf Geld hatte Ende September bereits die frühere Bundesfamilienministerin Rita Süssmuth (CDU) gedämpft. Die Schule selbst könne nicht zahlen. Süssmuth unterstützt das Elite-Internat bei der Neuorientierung.

Von Dohnanyi sagte weiter, in der Schulleitung und auch in Teilen des Trägervereins habe sich in den vergangenen Wochen Widerstand gegen eine schnelle finanzielle Lösung formiert. Begründet worden sei dies mit der angespannten Finanzlage der Reformschule. "Der Rücktritt war das letzte Geschenk von mir an die Odenwaldschule", sagte von Dohnanyi. "Nun muss die Leitung Farbe bekennen, was sie wirklich will." Komme keine Einigung zustande, werde auch der restliche Vorstand mit seinen fünf Mitgliedern auseinanderbrechen.

Eine Lösung der Führungskrise war zunächst nicht in Sicht. Die Odenwaldschule hatte in einer Sitzungspause für den Nachmittag eine Mitteilung angekündigt. Später hieß es, diese werde nicht erfolgen. Weder zur Sitzung noch auf dem Schulgelände waren Medienvertreter zugelassen.

Die Zahl der Missbrauchsopfer hat sich inzwischen auf 125 deutlich erhöht. Bisher war von über 50 Betroffenen in den Jahren von 1966 bis 1991 ausgegangen worden. Die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen etwa ein Dutzend damalige Lehrer, stellte die Verfahren aber meist wegen Verjährung ein.

Der alte Vorstand war Ende März 2010 nach dem erneuten Bekanntwerden des Skandals kurz vor dem 100-jährigen Bestehen der Schule unter Druck geraten und zurückgetreten. Ihm wurde vorgeworfen, vieles vertuscht zu haben. Ende Mai war dann der neue Vorstand gewählt worden.

Als Reaktion auf den Doppel-Rücktritt habe auch der Frankfurter Rechtsanwalt und ehemalige Schüler Jens Jörg Hoffmann sein Angebot zurückgezogen, der Odenwaldschule als Ombudsmann zur Verfügung zu stehen, teilte von Dohnanyi weiter mit. Hoffmann berät und unterstützt bereits eine Reihe von Missbrauchsopfern.

Opfer-Anwalt Kahl meinte weiter, der Odenwaldschule gehe es weniger um die Opfer als um das eigene Überleben. Das Internat habe aber die Verpflichtung, seinen Opfern zu helfen. "Ohne die Schule hätte diese geballte Zerstörung junger Menschen nicht stattfinden können", erklärte Kahl mit. (dpa)

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben