Politik : Opium und Religion

09.02.2006 00:00 UhrVon Jens Poggenpohl

In Afghanistan sind die Proteste am gewalttätigsten – bei der Eskalation spielt der Drogenanbau eine Rolle

Berlin - Drei Tote am Montag, mindestens vier weitere am Dienstag, und auch am Mittwoch starben in der Stadt Kalat wieder vier Menschen – in keinem islamischen Land ist der Konflikt um die Mohammed-Karikaturen so blutig eskaliert wie in Afghanistan. Wer das Land mit westlichen Augen betrachtet, dürfte darüber nicht nur entsetzt, sondern auch überrascht sein.

Erst vergangene Woche hat die internationale Gemeinschaft in London ihr Engagement für Afghanistan bekräftigt und einen ehrgeizigen Fünf-Jahres-Plan zum Wiederaufbau vereinbart. Bis 2010 wollen die 70 Geberländer und internationale Organisationen über 20 Milliarden Dollar in Afghanistan investieren.

„Wir werden an ihrer Seite stehen und helfen“, versprach Großbritanniens Premier Tony Blair dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai. Am Mittwoch kündigte nach den USA auch Deutschland einen Schuldenerlass an. Berlin will Verbindlichkeiten in Höhe von 44 Millionen US-Dollar streichen, Washington Afghanistan alle bilateralen Schulden von über 100 Millionen Dollar erlassen.

Dennoch eskaliert am Hindukusch die Gewalt. Citha Maass, Expertin der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, die von Februar 2003 bis Oktober 2005 in Afghanistan gearbeitet hat, spricht von einem „zutiefst religiösen Land“, das nicht nur vom islamischen Gesetz, der Scharia, geprägt ist, sondern auch von nicht kodifizierten Gewohnheitsrechten. Diese billigen der Ehre und religiösen Fragen eine überragende Bedeutung zu. „Die Karikaturen haben dieses Empfinden schwer gekränkt“, sagt Maass. Zudem sei die Gesellschaft nach 25 Jahren Krieg und Bürgerkrieg „hochgradig traumatisiert“, die Gewaltbereitschaft hoch. „Die Menschen sind noch nicht an friedliche Auseinandersetzungen“ gewöhnt, sagt Maass, Aggression sei oft das nahe liegende, manchmal das einzige Ausdrucksmittel bei Konflikten. Im Norden, im Einsatzgebiet der internationalen Schutztruppe Isaf, ist es Maas zufolge „leichter, die Lage zu entschärfen“. Denn hier vermischen sich die religiösen Motive für die Proteste offenbar weniger mit politischen und ökonomischen Motiven, als das im Süden der Fall ist, wo auch die Stadt Kalat liegt.

Maass glaubt nicht, dass das Terrornetzwerk Al Qaida hinter den Krawallen steht. Wohl aber könnten einzelne Führer zusammen mit den Neotaliban die Wut „spontan organisieren“ – und instrumentalisieren. Ein Grund dafür ist der Drogenanbau. Viele der so genannten neuen Taliban sind am Drogenanbau beteiligt. Gut zehn Prozent der Afghanen insgesamt leben von der Drogenproduktion, vor allem im Süden aber liegen die riesigen Mohnfelder, die den Grundstoff für Opium und Heroin liefern. Proteste gegen die Karikaturen dienten auch „als Vorwand für die Führer“, um deren Interessen gegen den Staat durchzusetzen, so Maass. Außerdem entladen sich hier offenbar heftige Aggressionen, die sich gegen Spezialkräfte der US-Armee aufgebaut haben, die in Südafghanistan nach Terroristen suchen. So kennt Maass viele Fälle, in denen US-Soldaten bei Hausdurchsuchungen auch in den Frauenbereich eindrangen – aus afghanischer Sicht eine unverzeihliche Tat.

Dass es europäische Zeitungen waren, in denen die Mohammed-Karikaturen erschienen, hält Maass in dem Zusammenhang für „tragisch“. Anders als ihre US- Kollegen hätten die Isaf-Soldaten ihren „guten Ruf“ bewahrt, seien von den Afghanen zumindest als neutrale Kraft betrachtet worden. Sie warnt nun vor einer Verschärfung der Lage: In wenigen Wochen beginnt in Südafghanistan die Aussaat auf den Mohnfeldern. Offenbar gibt es Hinweise, dass die US-Armee entschieden dagegen vorgehen will. Vergangenes Jahr bat Präsident Karsai erfolgreich um den Abbruch einer solchen Operation. Doch jetzt ist der Druck größer. Sollte es zu einem großflächigen Einsatz kommen, dann, so die Expertin, „wird es brisant“.

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